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Autor: A. E. Knoch
Thema: Die Aussöhnung des Alls

Es ist von größter Wichtigkeit, sich in allen umstrittenen Glaubensfragen an nichts anderes zu halten als an den von Gott inspirierten Urtext. Nun hat die griechische Sprache, in der unser Herr redete und Paulus schrieb, zwei verschiedene Wörter, «katallasso» und «apokatallasso», die von fast allen Bibelübersetzern nur mit «versöhnen» wiedergegeben werden, so daß es dem schlichten Leser unbekannt bleibt, daß in der Bedeutung der beiden Wörter ein beachtlicher Unterschied besteht. Katallasso wird nur im Sinne einer einseitigen Versöhnung gebraucht. Gott ist seit Golgatha mit der ganzen Welt versöhnt, die ihrerseits Ihm noch feindlich gesonnen ist, mit Ausnahme der Gläubigen (2. Kor. 5:20). Mit apokatallasso bezeichnet Paulus eine gegenseitige Aussöhnung zweier vorher verfeindeter Parteien, wie es aus den drei Vorkommen des Wortes hervorgeht. 1 Christus hat Juden und Nationen, soweit sie Seine Glieder sind, miteinander ausgesöhnt (Eph. 2:16), ebenso mit Sich Selber (Kol. 1:22).

Es ist die Lust der gesamten Vervollständigung (der Gottheit, Kol. 2:9), nicht nur in Ihm zu wohnen, sondern auch das ganze All durch Ihn mit Gott auszusöhnen. Und dieses All umfaßt nach Kol. 1:16 alles Erschaffene, Sichtbares und Unsichtbares, das in den Himmeln und das auf der Erde. Wir bezeugen deshalb keine Allversöhnung, aber eine Allaussöhnung, und gründen dieselbe einzig und allein auf diese Schriftstelle. Alle anderen, die zur Bestätigung der sog. «Allversöhnung» herangezogen werden, handeln von etwas anderem, wenn sie auch mit der Allaussöhnung eine harmonische Einheit bilden.

Wir möchten nun einen kurzen Überblick über sämtliche sonstigen Stellen geben, die das ganze All umfassen, ohne irgendwelche Ausnahme oder Einschränkung, und sodann über diejenigen, die nur von der Menschheit in ihrer Gesamtheit handeln, ohne daß ein einziger auszuschließen wäre.

Da ist vor allem Epheser 1:8-10. Diese Stelle lautet konkordant übersetzt: «In aller Weisheit und Besonnenheit uns bekanntmachend das Geheimnis Seines (Gottes) Willens ... aufzuhaupten das All in Christus, beides, das in den Himmeln (über den Himmeln, [Bs1] 2) und das auf der Erde, in Ihm». Dies ist ein noch zukünftiges Ereignis. Es soll stattfinden in einer «Verwaltung der Vervollständigung» (Vers 10), muß also weit mehr umfassen als Christi heutige Hauptesstellung. So wichtig und sicher auch letztere ist, die Ihm dadurch zukam, daß alles in Ihm erschaffen wurde und heute noch in Ihm besteht, so ist es dennoch klar, daß unzählige Geschöpfe noch in Auflehnung gegen Ihn leben und (soweit sie in Betracht kommen) Ihn nicht als ihr Haupt anerkennen.

Die Stelle lehrt also einen Gegensatz zwischen unserer Zeit und derjenigen der Vervollständigung. Sie harmoniert mit Vers 23: «der das All in allem vervollständigt». Könnte man sich ohne Allaussöhnung eine allumfassende Vervollständigung denken? Wäre es da nicht geboten, von einer ewigen Unvollkommenheit, Disharmonie und Zwiespältigkeit zu reden? - von einer unheilbaren Verfeindung und unüberwindbaren Entfremdung? Für Milliarden von Geschöpfen bliebe dann Satan das wahre und unbestreitbare Haupt, wie er es heute dem Augenschein nach ist, aber niemals in Wirklichkeit. Denn Gott behält recht. Und Er hat Paulus nicht das Sichtbare und Gegenwärtige offenbart, sondern das wahre Wesen allen Seins, wie es Sterbliche von sich aus nie erkennen könnten.

Als nächstes wollen wir Römer 11:36 heranziehen: «Denn aus Ihm und durch Ihn und zu Ihm (wörtlich: hinein in Ihn) ist das All». Eine weitere Erklärung scheint fast überflüssig. Die Stelle lehrt nicht nur das Hervorgehen des Alls aus Gott, sondern auch die Rückkehr desselben in Ihn. Ist darin nicht der Gedanke enthalten, daß dieses All sich zeitweise aus Ihm gelöst hat, wenigstens dem Augenschein nach? Warum sollte es sonst die Bestimmung «in Ihn hinein» haben? Hier wird eine zeitweilige Entfernung aus Seiner Gegenwart immerhin angedeutet, wenn auch diese «durch Ihn» war. Denn Gott benötigte Entfremdung und Feindschaft für Seinen höchsten Liebeszweck. Ohne sie müßte das All Seine herrlichste Gabe entbehren, den gekreuzigten Christus. Warum sonst verbindet Paulus diese Stelle mit einem so jubelnden Lobpreis der Tiefe des Reichtums und der Weisheit Gottes? Hätte der Apostel so reden können, wenn er in Satan den gesehen hätte, der Gottes Schöpfung ruinieren konnte und dem der Schöpf er hilflos zugeschaut hat?

Eine besonders wichtige Stelle ist Philipper 2:1041. «Auf daß in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, der Überhimmlischen und Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge huldige ‚Herr ist Jesus Christus’, zur Herrlichkeit Gottes, des Vaters». Jedes Knie und jede Zunge ist           allumfassend. Dies wird noch unterstrichen durch Einschließung der Überhimmlischen und Unterirdischen. (Das Wort, das die Konkordante Wiedergabe mit «huldigen» übersetzt, erscheint zwar auch in Verbindung mit Sündenbekenntnis, aber Mat. 11:25 und Luk. 10:21 wendet es Jesus auf Seinen Vater an; Luther, «Ich preise Dich, Vater». Luk. 22:6 hat es ganz klar den Sinn von «zustimmen», und Röm. 15:9 von «loben».) Die übliche Erklärung, daß es sich hier um ein erzwungenes, widerwilliges Bekenntnis handle, steht in Widerspruch zur Bedeutung des Namens Jesus (Wird-sein-Retter) und ebenso zur Behauptung des Paulus, dieses Bekenntnis sei zur Herrlichkeit Gottes, des Vaters. Wenn irgendeiner Gott daran hindern könnte, allen zuletzt «Vater» zu werden, würde Er nie den uneingeschränkten Lobpreis aller erhalten.

Noch weiter als Johannes in der «Offenbarung» darf Paulus in 1. Korinther 15:20-28 schauen. Im Blick auf Gottes Endziel («die Vollendung») heißt es dort u. a.: «Er muß König sein, bis Er alle Seine Feinde lege unter Seine Füße. Der letzte Feind, der abgetan wird, ist der Tod. Denn alles unterordnet Er Sich unter Seine Füße. Wenn Er aber sagt, daß alles sich untergeordnet hat, ist es offenkundig, daß es außer Dem ist, der Ihm unterordnet das All. Wenn aber das All Ihm untergeordnet ist, dann wird auch der Sohn Selber untergeordnet sein Dem, Der Ihm unterordnet das All, auf daß Gott sei alles in allen.» Diese Stelle erwähnt nicht Satans Unterordnung, aber es ist offensichtlich, daß sie vor dem Abgetanwerden des Todes stattfindet, sonst wäre dieser nicht der letzte Feind, sondern es würde zum mindesten ein ganz gewaltiger Gegner, und vielleicht viele ihm verschriebene himmlische Wesen, übrigbleiben. Wie unhaltbar aber die übliche Ausflucht ist, daß es sich um eine erzwungene Unterordnung im höllischen Feuer handelt, ergibt sich aus dem inspirierten Wort, das den Zweck der Unterordnung unmißverständlich feststellt: «auf daß Gott sei alles in allen». Wenn ein einziges Wesen, ganz gleich ob Engel, Mensch oder Dämon, hier ausgeschlossen wäre, wo bliebe dann der Felsengrund des Gotteswortes?

In Römer 11:32 lesen wir bei Paulus den kühnen Ausspruch: «Gott schließt alle zusammen ein in die Widerspenstigkeit, auf daß Er Sich aller erbarme». Zwar ist hier nicht klar ersichtlich, ob nur alle Menschen gemeint sind, oder auch alle Geisteswesen. Jedoch wird niemand abstreiten, daß der Widerspenstigste von allen der Satan ist. Und wenn Gott Selbst die letzte Ursache der Auflehnung aller Menschen ist, warum nicht auch Seiner übrigen Geschöpfe? Nichts in der Schrift berechtigt uns dazu, hier einen Grenzstrich zu ziehen. Und aus kaum einer anderen Stelle leuchtet so überwältigend die absolute Gottheit Gottes hervor wie aus dieser. Sie macht Ihn zum Urheber von allem, auch des Schlimmsten, das in Seiner Schöpfung geschehen kann, aber zu einem überwältigend herrlichen Endzweck: «Auf daß Er Sich aller erbarme!» Wesen, die dieses Erbarmen zerknirscht und reuig erfahren haben, werden den Erbarmer unendlich viel mehr lieben als neutrale, ungebrochene Gerechte, die nie den Jammer der Gottentfremdung gekostet haben.

Nun kommen wir zu den Stellen, welche sich auf alle Menschen beschränken, also die überhimmlischen, himmlischen und unterirdischen Wesen nicht mit einbeziehen.

Johannes 12:32 sagt Jesus: «Und Ich, wenn Ich erhöht werde aus der Erde, werde Ich alle zu Mir Selber ziehen.» Keine Ausnahme!

1. Korinther 15:22 schreibt Paulus: «Denn ebenso wie in dem Adam alle sterben, also auch werden in dem Christus alle lebendig gemacht werden.» Keine Ausnahme!

Römer 5:18, 19 schreibt Paulus: «Demnach nun, wie es durch eine Kränkung für alle Menschen zur Verurteilung kam, also auch durch einen Rechtsspruch für alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens. Denn ebenso wie durch den Ungehorsam des einen Menschen als Sünder eingesetzt wurden die vielen, also auch werden durch den Gehorsam des einen als Gerechte eingesetzt werden die vielen.» Hier muß «die vielen» schon deshalb alle umfassen, weil ja alle ohne Ausnahme als Sünder eingesetzt wurden. (Ähnlich Röm. 12:5: «Wir, die vielen, sind ein Körper in Christus.» Der Zusammenhang zeigt, daß damit alle Glieder der Leibesgemeinde angesprochen werden.)

An Timotheus schreibt Paulus in seinem ersten Brief 4:10, 11: «Denn dazu mühen wir uns und werden geschmäht, daß wir uns verlassen auf Gott, den Lebendigen, der da ist der Retter aller Menschen, vor allem aber der Gläubigen. Dieses weise an und lehre.» Also sollte Timotheus die Errettung aller bezeugen, während es heute nur zu oft verboten wird, diese zu lehren. Aber auch damals schon scheint es Schmähungen zur Folge gehabt zu haben.

Und Kap. 2:4 schreibt Paulus demselben Timotheus: «Gott, unser Retter, welcher will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.» Haben wir einen Gott, der machtlos vor dem Willen Seiner Geschöpfe kapitulieren muß, oder Einen, dessen Wille sowohl im Himmel wie auf Erden geschehen wird? Wollen wir nicht lieber einstimmen in den Lobpreis der Ältesten vor dem Throne:

«Würdig bist Du, unser Herr und Gott, zu nehmen die Herrlichkeit und Ehre und Macht, da Du das All erschaffst und es für Deinen Willen war und erschaffen ward.»

Der engere Begriff «Allversöhnung» beschreibt Gottes Haltung allen Menschen gegenüber in der heutigen Gnadenzeit, da Er allen Sündern die Versöhnungshand entgegenstreckt (2. Kor. 5:18-21). Nach unserer Entrückung beginnt die Zeit der Gerichte, von welchen die «Offenbarung» berichtet. Doch der Tag des Zornes Gottes ist nur kurz im Vergleich zu den Zeiten überströmenden Segens, welche darauf folgen werden und schließlich die Allaussöhnung bringen. Wir sind also keine «Allversöhnler», sondern eher «Allaussöhnler» (lt. Kol. 1:20). Im übrigen stützen wir uns auf folgende Schriftaussagen:

Gelegentlich wird behauptet, wir verträten die «Wiederbringungslehre». Allerdings tun wir auch dies, weil wir jedes Schriftwort glauben, und Ap. 3:21 erwähnt ausdrücklich eine Wiederbringung (Luther) oder Wiederherstellung (konkordant) alles dessen, was Gott spricht durch den Mund Seiner heiligen Propheten vom Äon an. Kein wahrer Gläubiger würde wohl behaupten, Gott werde nicht alles erfüllen, was Er durch die Propheten geweissagt hat; demnach wären von Rechts wegen alle Gläubigen «Wiederbringler». Nur wird meist übersehen, daß Petrus hier nur die Verheißungen, die das Messiasreich betreffen, gemeint hat; denn dieses allein ist der Gegenstand der alttestamentlichen Prophetie. Man gebraucht das Wort (Wiederbringung) leider als gleichbedeutend mit der Allaussöhnung, an die es aber in keiner Weise heranreicht.

Noch viel habe Ich euch zu sagen

Jesu Abschiedsrede an die Jünger nach dem Passahmahl enthält die wunderbare Verheißung: «Noch viel habe Ich euch zu sagen, ihr könnt es jedoch jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn nicht wird er von sich selber sprechen, sondern soviel als er hört, wird er sprechen, und das Kommende wird er euch kundtun» (Joh. 16:12, 13).

Wenn der Herr in den Jahren davor vom «Königreich der Himmel» (Luther: Himmelreich) gesprochen hatte, so bezog Er Sich auf die Verheißung an Israel in Daniel 2:44 und 7:27. In Markus 9:44, 46, 48 hatte Er den Schlußvers des Propheten Jesaja zitiert: «... und sehen die Leichen der Menschen, die da übertraten gegen Mich. Denn ihr Wurm soll nicht sterben! Und ihr Feuer soll nicht gelöscht werden! So werden sie zum abstoßenden Anblick allem Fleisch.» Unser Herr hatte nicht von «Hölle» und nicht von «ewigem Feuer» gesprochen, sondern (wie auch Jesaja) vom Tal Hinnom oder Gehinnom (griechisch: Gehenna), wo schon in alter Zeit der Unrat Jerusalems durch stetiges Feuer verbrannt wurde. Mit den Leichen hingerichteter Aufrührer wird man im kommenden irdischen Königreich wie mit dem Unrat verfahren. (vgl. hierzu unser Heft: Der reiche Mann und Lazarus – Konkordanter Verlag)

Wenn unser Herr Jesus zu den «verlorenen Schafen vom Hause Israel» (Mat. 10:6) sprach, knüpfte Er an Begriffe an, welche die Zuhörer von den Propheten her kannten. Auch als Auferstandener hat der Herr Seinen Jüngern nichts gesagt, was sie nicht hätten fassen können; vielmehr tat Er ihren Sinn auf und führte sie zum Verstehen der Schriften des «Alten Testamentes» (Luk. 24:45). Doch über das Kommende sagte Er ihnen nichts, um ihnen nicht den Mut zum Zeugendienst zu nehmen; Er nennt ihnen keinen Termin für die Aufrichtung des irdischen Königreiches für Israel (Ap. 1:7).

Erst nach Seiner Erhöhung zur Rechten des Vaters läßt Christus zwei der Apostel Blicke in die ferne und fernste Zukunft tun. Johannes durfte bis auf die neue Erde schauen und in der «Offenbarung» darüber berichten; Paulus wurde bis in den dritten Himmel entrückt und schrieb über den überhimmlischen Segensbereich. Beiden führte der Geist der Wahrheit die Feder und ließ sie das aufzeichnen, was zuvor keiner hatte fassen können.

So ist es also der verherrlichte Christus Selber, welcher durch Sein «auserwähltes Rüstzeug» Paulus zu uns spricht, die wir nicht zu den verlorenen Schafen vom Hause Israel gehören. Was Er uns, den Gläubigen aus allen Nationen, zu sagen hat, hätten die Jünger damals überhaupt nicht fassen können. Darum findet sich auch bei Matthäus, Markus, Lukas, Johannes, Jakobus, Petrus usw. kein Wort von den kommenden Dingen, welche in erster Linie uns heute betreffen.

Von diesen, welche sich mit dem Evangelium für Israel befassen (Gal. 2:7), hat Gottes Geist, der heilige, den Apostel Paulus ausdrücklich abgesondert, um durch ihn Geheimnisse zu enthüllen, welche bis dahin in Gott verborgen und «in anderen Generationen den Menschensöhnen nicht bekanntgemacht» worden waren (Eph. 3:5, 9). Also um das Wort Gottes zu vervollständigen (Kol. 1:25) und um die Aussöhnung des Alls bekanntzumachen, wurde Paulus von den übrigen Aposteln abgesondert (Ap. 13:2), welche einen anderen Auftrag hatten, nämlich den Dienst an Israel mit dem irdischen Endziel, die Wiederherstellung des irdischen Königreiches für Israel.

Nur Paulus erhielt den Auftrag zur Herausrufung der Gemeinde aus allen Nationen, der Körperschaft Christi (oder Leibesgemeinde), welche die Bestimmung hat, in den kommenden Äonen den überschwenglichen Reichtum der Gnade Gottes zur Schau zu stellen (Eph. 2:7), und zwar inmitten der Überhimmlischen.

Selbst Petrus bekennt (2. Pet. 3:16), einiges in den Paulusbriefen sei schwer zu begreifen. Immerhin aber hat er sie wohl schwerlich so völlig mißverstanden, wie die christliche Überlieferung es heute tut, wenn sie versucht, die Worte des Paulus abzuschwächen und durch die der anderen Schreiber zu erklären. Dabei übersieht man, daß des Paulus einzigartige Berufung geradezu der Schlüssel zum rechten Verständnis der Schrift und der letzten Dinge ist.

Gott handelt immer wieder nach dem Prinzip der Auserwählung, aber stets, um durch eine Auswahl den übrigen gleichfalls Segen zu vermitteln. In erster Linie ist Christus Sein Auserwählter (Luk. 23:35). Seine Bestimmung ist, dem ganzen All Seinen Vater, der Liebe ist, zu offenbaren. Unter den Menschen erwählte Gott zuerst Abraham und seinen Samen aus allen anderen Völkern. Seine Absicht damit hat Er klar genug offenbart: «In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde». Aber Israel erkannte seine Bestimmung nicht. Es erhob sich über die anderen und sonderte sich selbstgerecht ab. Darum wurde es schließlich verworfen. Und Gott setzte es beiseite, um die Gemeinde der Gläubigen aus allen Nationen herauszurufen. Das Prinzip ist das gleiche, nur der geplante Segensbereich ein anderer. Israel sollte der Lichtbringer für die Erde sein und wird es in der Zukunft auch werden, wenn es ein neues Herz erhält und von seinem Messias regiert wird.

Die von Paulus unterwiesene Gemeinde (wörtlich die «Herausgerufene») ist gleichfalls niemals Selbstzweck. Wir sind bestimmt als Segensträger für die Überhimmel und die diese Regionen innehabenden Throne und Herrschaften, Fürstlichkeiten und Obrigkeiten (Eph. 3:10; Kol. 1:16). Ihnen soll durch uns die mannigfaltige Weisheit Gottes bekanntgemacht werden. Denn auch diese heute noch Gott entfremdeten Mächte sind Seine Geschöpfe und Glieder des Alls, das da ist aus Ihm und zu Ihm.

Aber leider gleichen nur zu viele Gläubige heute dem alten, engherzigen Israel. Sie halten ihre Rettung für eine um ihrer selbst willen an ihnen geschehene Gottestat. Sie sehen nicht den Endzweck ihrer Auserwählung. Und sie wähnen womöglich, Gott werde Sich mit der «Seligkeit» eines Bruchteils Seiner Geschöpfe zufriedengeben. Ja, manche wünschen nicht einmal die Allaussöhnung, als hätten sie sich aus eigenem Willen «bekehrt» und müßten deshalb etwas vor den anderen voraushaben. Ihre Bemühungen, Schriftbeweise für die ewige Hölle aufzubringen, enthüllen den Zustand ihres Herzens. Statt nach jedem Hoffnungsstrahl für die «Verdammten» auszuschauen und die gewichtigen Paulusworte wenigstens zu erwägen, werden die aus dem wahren Zusammenhang gerissenen Drohungen der Propheten und Königreichsapostel einseitig betont und die anderen einfach übergangen.

Wer Paulus wirklich beim Wort nimmt, wird sehen, daß er einen völlig anderen Ausblick hat als die übrigen Schreiber. Er mag zunächst den Eindruck erhalten, die Bibel sei voller Widersprüche, insbesondere was das Schicksal der Ungläubigen betrifft. Jedoch wer sich eingehend mit dem Studium der paulinischen Briefe befaßt und ständig so um Erkenntnis des Willens Gottes in aller Weisheit und geistlichem Verständnis (Kol. 1:9) fleht, wie Paulus es tat, den wird der Geist der Wahrheit in alle Wahrheit leiten, welche Gott für uns bereithält: «Was das Auge nicht gewahrte und das Ohr nicht hörte und wozu das Herz des Menschen nicht hinaufstieg – alles das hat Gott denen bereitet, die Ihn lieben. Uns aber enthüllt es Gott durch Seinen Geist; denn der Geist erforscht alles, auch die Tiefen Gottes» (1. Kor. 2:9, 10). Daher auch des Paulus Gemeindegebet um den Geist der Weisheit und Enthüllung in der Erkenntnis Gottes (vgl. hierzu unser Heft: Lobpreis und Gebet bei Paulus – Konkordanter Verlag).

Wer dann zu der befreienden Lösung gelangt, daß nur Paulus die Vollendung (1. Kor. 15:24) des ganzen Alls beim Abschluß der Äonen (1. Kor. 10: 11) erschaut (alle anderen Schreiber lediglich die Ereignisse der beiden letzten Äonen vor deren Ende), der findet Gottes Wort ohne Widersprüche und darf Ihn für Seine Weisheit ebenso preisen wie für Seine Liebe.

Regeln zum klaren Verständnis der Heiligen Schrift

Im Jahre 1957 erschien in der Zeitschrift «Der Reichsgottesarbeiter» ein Artikel, welcher so wertvolle Regeln für den nach Wahrheit suchenden Schriftforscher enthält, daß wir uns die Freiheit nehmen, einen Teil derselben hier abzudrucken:

Bei dem Bemühen der Verständlichmachung des Textes der Heiligen Schrift wollen wir unter vielem anderen uns unter folgende Regeln und Gesichtspunkte stellen:

  1. Es wird bewußt und absichtlich immer und stets vom Grundtext ausgegangen, d. h. im A.T. vom Hebräischen, im N.T. vom Griechischen. Irgend eine Übersetzung (sei es Septuaginta oder Vulgata) wird erst in zweiter Linie herangezogen.

  2. Die Schrift wird durch die Schrift verständlich gemacht, d. h. wenn eine Bibelstelle allein uns vielleicht nicht eindeutig genug Auskunft geben würde, dann werden die Parallelstellen herangezogen.

  3. Die Schrift kann immer nur aus dem Zusammenhang heraus gedeutet werden, d. h. es darf ein Wort nicht aus der Verflechtung mit seiner Umgebung herausgerissen werden. Im Bilde gesprochen heißt das: das einzelne Wort, welches einem Pflänzlein zu vergleichen ist, kann nicht aus dem Erdboden, in welchem es steht, rücksichtslos herausgerissen und dann im «vertrockneten Zustand» betrachtet werden, wobei sich ein falsches Bild ergeben würde. Sondern das Pflänzlein muß im Erdboden stehend angeschaut werden, d. h. es gilt die Beziehung zu sehen, die es zu seinem Standort hat, ob es im A.T. oder N.T. steht, ob es Bildwort oder Ereignis ist, ob Zukunft oder Gegenwart gemeint ist, usw.; kurz, es gilt den Ganzheitscharakter biblischen Wortes hinsichtlich seiner Auslegung zu sehen und zu beachten.

  4. Es gilt auch darauf zu achten, worüber uns die Schrift «nichts» aussagt. Es ist immer ein gefährlich Ding, aus dem Schweigen der Schrift bestimmte Schlüsse zu ziehen. Man kann manchmal Schriftauslegungen und Schriftausführungen lesen und hören, die sich mehr auf das stützen, was die Heilige Schrift nicht sagt, als auf das, was sie uns sagt.

  5. Der Hauptgrundsatz aber bei alledem bleibt der, nämlich den heiligen Geist herzlich um Beistand und Leitung zu bitten, daß ER selber uns die Schrift mit Hilfe der Schrift öffne und zwar in den uns vom Geist und von der Schrift her gewiesenen Grenzen und Möglichkeiten unserer menschlich-irdischen Erkenntnisgegebenheit. Schon 5. Mose 29:29 steht geschrieben: «Das Verborgene ist des Herrn unseres Gottes. Aber das Geoffenbarte ist unser und unserer Kinder ewiglich». Dabei darf sich auch die sogenannte «Innere Schau», auch «Geistesschau» oder «Zentralschau» genannt, nie außerhalb der, Schriftlinien bewegen, sondern muß bewußt und eindeutig immer wieder sich innerhalb der Schrift aufhalten, ja, sogar sich fort und fort von ihr korrigieren oder prägen lassen.

Diese Regeln sind von großer Wichtigkeit; sie müssen jedoch durch zwei weitere Regeln ergänzt werden, welche Paulus selber dem Timotheus ans Herz legte, nachdem das Wort Gottes vervollständigt worden war:

a) 2. Timotheus 1:13 - «Habe ein Muster gesunder Worte, die du von mir hörst!»

Gott drückt Sich in Seinem Wort (in der hebräischen und griechischen Sprache) sehr genau und unmißverständlich aus; aber die meisten Bibelübersetzungen geben Seine klaren Gedanken oft recht verschwommen wieder, wenn (wie z. B. im Epheserbrief) das griechische Wort aion mit Welt (1:21), Lauf (2:2), Zeiten (2:7) und Ewigkeit (3:21) wiedergegeben wird. Die konkordante Übersetzung gebraucht hier nur ein einziges gesundes Musterwort: Äon.

In unserer Stichwortkonkordanz bringen wir die alphabetisch geordneten deutschen Musterwörter zu allen im Urtext erscheinenden griechischen Begriffen. Sie ist uns beim Schriftstudium ein unentbehrliches Hilfsmittel geworden, um Gottes Anweisung über die Verwendung gesunder Musterwörter in die Tat umzusetzen. Diese Konkordanz bildet zugleich die Grundlage für die konkordante Übersetzung des «Neuen Testamentes».

Die zweite Hälfte der eben genannten paulinischen Regel legt besonderen Nachdruck auf den Wortschatz des Paulus (... die du von mir hörst). Mit Bedacht vermeidet er z. B. den Ausdruck «Sündenvergebung» im gesamten Römerbrief und spricht statt dessen von «Rechtfertigung» und «Versöhnung».

b) 2. Timotheus 2:15 - «Befleißige dich, dich selbst als bewährt darzustellen, als einen unbeschämten Werker, der das Wort der Wahrheit richtig schneidet!»
3:10 - «Du aber folgest meiner Lehre!»

Die christliche Überlieferung macht einen großen Schnitt durch die Heilige Schrift, und zwar zwischen Maleachi und Matthäus, ohne genügend zu beachten, daß der Herr Jesus (in Seinem Erdenleben) nur zu den verlorenen Schafen vom Hause Israel gesandt war, denen ja auch die alttestamentlichen Verheißungen gelten.

Wer richtig schneiden will, macht den Schnitt vor der Epistel an die Römer und nach dem Philemonbrief, so daß die paulinischen Briefe mit Gottes enthüllten Geheimnissen sich von der übrigen Heiligen Schrift deutlich abheben. Nur wer so verfährt, kann der Lehre des Paulus folgen (2. Tim. 3:10) und dankerfüllten Herzens in dessen Lobpreis (Eph. 3:20, 21) einstimmen:

«Dem aber, der da kann über alle Maßen mehr tun, als was wir bitten oder begreifen, gemäß der Kraft, die da in uns wirkt, Ihm sei die Herrlichkeit in der herausgerufenen Gemeinde und in Christo Jesu, für alle Generationen des Äons der Äonen! Amen!»

1 Pfarrer i. R. Paul Petry behandelt diese Fragen mit aller Ausführlichkeit und Gründlichkeit in seiner Broschüre (163 Seiten) «Allaussöhnung, Tod und letzte Dinge», erhältlich beim Konkordanten Verlag

2  Bs1 bedeutet, daß diese Lesart sich im Vaticanus findet, außerdem im Sinaiticus, wiewohl diese Stelle dort später redigiert wurde. Vgl. Stichwortkonkordanz S.332: Der griechische Text, Die Lesarten und Redigierungen, sowie Griechisch-deutsche Studienblätter, S.554 b

(Quelle: Konkordante Schriftenreihe; Konkordanter Verlag, Pforzheim)