von Prof. Dr. Ernst Stählelin

Rektoratsrede, gehalten zur Jahresfeier der Universität Basel am 18. November 1960

 

Hochansehnliche Versammlung!

1.
In den Bereich von Lehre und Forschung einer Universität gehört alles, was den Menschengeist bewegt, sowohl die unendlichen Reichtümer und Abgründe der Natur und des natürlichen Lebens als die unermeßlichen Schöpfungen, Probleme, Leiden, Leidenschaften, Sehnsüchte und Glaubensüberzeugungen des geistigen Lebens.

Einer der großen Inhalte dieses geistigen Lebens ist nun das Fragen und Ringen nach dem Sinn und dem Ziel der Menschheitsgeschichte, ja der Geschichte der ganzen Welt, des ganzen Kosmos, der ganzen Schöpfung überhaupt. Es dürfte daher nicht abwegig sein, wenn bei diesem feierlichen akademischen Anlaß von einer Lehre gehandelt wird, die eben das Ziel aller Geschichte zum Gegenstand hat, von der Lehre von der „Apokatastasis pantoon“, der Wiederherstellung oder Wiederbringung aller Dinge.

2.
In der Verkündigung des Neuen Testamentes können drei Konzeptionen der Lehre vom Ausgang der Weltgeschichte festgestellt werden.

Die erste ist diejenige, die von einem doppelten Ausgang redet, von einer Welt der Erlösten auf der einen und einer solchen der Verdammten auf der andern Seite. Und zwar wird dieser doppelte Ausgang einesteils vom Verhalten der Menschen her begründet, andernteils von der Vorherbestimmung Gottes her. Das Verhalten der Menschen erscheint als Grund des doppelten Ausgangs z. B. in der Darstellung des Matthäusevangeliums vom Endgericht, in der Christus zu den einen spricht: „Kommet her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch von Grundlegung der Welt an bereitet ist; denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben“, und zu den andern: „Geht hinweg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das mein Vater dem Teufel und seinen Engeln bereitet hat; denn ich war hungrig, und ihr habt mir nicht zu essen gegeben.“ Die Möglichkeit aber, daß der doppelte Ausgang der Weltgeschichte in der Vorherbestimmung Gottes seinen Grund habe, wird angedeutet in dem Wort des Römerbriefs: „Hat der Töpfer nicht Macht über den Ton, aus der nämlichen Masse das eine Gefäß zur Ehre, das andere zur Unehre zu machen?“ Es dürfte unbestritten sein, daß diese Ansicht von einem doppelten Ausgang der Weltgeschichte die in der Christenheit am weitesten verbreitete Eschatologie (Lehre von den „letzten Dingen“) ist, und auch die größten Geister haben ihr gehuldigt. Dante hat seine gewaltige Dichtung auf ihr aufgebaut, und Calvin hat ihr gemäß Gott das „decretum horribile“ zugeschrieben, wonach „nicht alle Menschen mit der gleichen Bestimmung erschaffen werden, sondern den einen das ewige Leben, den andern die ewige Verdammnis vorher zugeordnet wird“.

Eine zweite Konzeption der neutestamentlichen Lehre vom Ausgang der Weltgeschichte ist, wenigstens nach der Auffassung einiger Exegeten (Ausleger), diejenige von der Vernichtung der Gottlosen. Sie begegnet uns in einer grandiosen Vision der Offenbarung Johannis: da sitzt der Weltenrichter auf Seinem Thron; die alte Erde und der alte Himmel fliehen vor Seinem Angesicht und versinken ins Nichts, und alle Menschen, die nicht im Buche des Lebens eingeschrieben sind, werden „in den feurigen Höllenpfuhl geworfen“, den „zweiten“, d. h. doch wohl den endgültigen Tod; für diejenigen aber, die im Buche des Lebens stehen, wird eine neue Erde und ein neuer Himmel geschaffen, und Gott richtet, unter ihnen Seine Hütte auf, „und Er wird alle Tränen von ihren Augen wegwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Klagegeschrei, noch Mühsal wird mehr sein“. Diese Lehre von der Vernichtung der Gott­losen hatte ihre Anhänger vor allem in der Gemeinschaft der Sozinianer; doch wird sie auch von zahlreichen neueren protestantischen Theologen vertreten, ebenso von der Gemeinschaft der „Zeugen Jehovas“.

Drittens endlich enthalten manche Stellen des Neuen Testamentes den deutlichen Hinweis auf eine Wiederbringung aller Dinge. Dazu gehört allerdings gerade diejenige Stelle, in der uns der Ausdruck „Apokatastasis pantoon“ begegnet, nicht; denn in dieser ist unter „Apokatastasis pantoon“ nicht die Wiederherstellung aller Dinge schlechthin gemeint, sondern nur die Verwirklichung aller derjenigen Dinge, die Gott durch den Mund Seiner Propheten verheißen hat. Dagegen weisen andere Stellen auf eine „Apokatastasis pantoon“ im absoluten Sinne, auf eine Wiederherstellung, eine Wiederbringung aller Dinge im vollen Sinne hin. Dahin gehören etwa die Worte: „Gott hat Alle zusammen in den Ungehorsam hineingebannt, um an Allen Barmherzigkeit zu erweisen“; „Wie in Adam Alle sterben, so werden in Christus auch Alle lebendig gemacht werden“; „Wenn Christo Alles unterworfen sein wird, dann wird auch der Sohn selbst sich dem unterwerfen, der Ihm Alles unterworfen hat, damit Gott Alles in Allem sei“; „Gott hat uns das Geheimnis Seines Willens kundgetan, Alles zusammenzufassen in Christus, was in den Himmeln und was auf Erden ist“; „Gott hat Christus erhöht, damit in dem Namen Jesu sich beuge jedes Knie derer, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind“, und „Gott hat beschlossen, durch Christus Alles mit sich selbst zu versöhnen, sei es, was auf Erden, sei es, was in den Himmeln ist.“ Schließlich darf in diesen Zusammenhang auch die Aussage gestellt werden, daß „Christus im Geiste hingegangen sei und den Geistern im Gefängnis gepredigt“ habe, d. h. den Geistern in der Totenwelt und Hölle.

Im Anschluß an diese und verwandte Worte traten im Bereiche der christlichen Kirche immer wieder Menschen auf, welche die „Apokatastasis pantoon“, die Wiederbringung aller Dinge, lehrten. Und es sollen nun im folgenden einige wichtige Zeugen dieser Lehre vorgeführt werden.

3.
Der erste große Vertreter der Lehre von der Wiederbringung aller Dinge ist der in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts wirkende alexandrinische Theologe Origenes.

Die wesentlichen Gedanken seines allerdings stark mit hellenistischen Elementen durchsetzten Systems sind die folgenden: Die Schöpfung ist zunächst eine Schöpfung reiner Geister. Aber diese sind auf Grund der ihnen anerschaffenen Freiheit abgefallen, und für diese abgefallenen Geister hat dann Gott in einem zweiten Schöpfungsakt die materielle Welt geschaffen, indem Er jene je nach der Größe ihres Falls in feinere oder gröbere Körper einkörperte. Diese Welt der Einkörperung ist nun aber nicht nur Strafort, sondern zugleich Stätte der Erziehung und Läuterung. Vor allem dadurch, daß der Logos (das „Wort“) herniedersteigt, den Engeln ein Engel, den Menschen ein Mensch wird und auch in der Totenwelt Seine Botschaft erschallen läßt, wird die Wiederherstellung aller Dinge ins Werk gesetzt. Allerdings ist diese ein Geschehen von unermeßlicher Dauer, und die Mehrzahl der gefallenen Geister muß durch ein Feuer der Läuterung hindurch, nicht so sehr ein materielles Feuer als ein Erleiden seelischer Qualen der Schuld und der Reue; dieses ist zwar nicht ewig, aber kann Jahrtausende dauern. Doch schließlich wird das Ziel erreicht, das wiederhergestellte Reich der Geister, die, von aller Sünde gereinigt, in einer Leiblichkeit von höchster Geistigkeit erstrahlend, Gott loben und preisen.

Ob Origenes der Auffassung war, daß nach einer solchen Wiederherstellung immer wieder ein neuer Fall und eine neue Wiederherstellung eintrete, ist umstritten. Jedenfalls aber war er nicht der Meinung, daß die Wiederbringung öffentlich verkündet werden solle; vielmehr solle sie mit Schweigen umhüllt werden; die Unvollkommenen hätten die Drohung der ewigen Verdammung nötig, damit sie nicht gleichgültig würden.

Der Riesengeist des Origenes hat auf die Zeitgenossen und die Nachwelt einen gewaltigen Einfluß ausgeübt. Aber zugleich erhob sich gegen einige seiner Sonderlehren und so auch gegen die Lehre von der Wiederbringung, jedenfalls in der von ihm geprägten Form, Widerspruch, und schließlich kam es drei Jahrhunderte nach seinem Tode sowohl durch ein Edikt Kaiser Justinians als durch ein Dekret des fünften Oekumenischen Konzils vom Jahre 553 zu einer Verurteilung des Meisters: „Wenn einer sagt“, heißt es im Edikt Justinians, „daß die Strafe der Dämonen und der gottlosen Menschen vergänglich sei und nach einer gewissen Zeit ein Ende haben, oder daß eine Wiederherstellung der Dämonen und der gottlosen Menschen stattfinden werde, dann soll er verflucht sein“.

4.
Origenes war einer der bedeutendsten Vertreter der der allegoristischen Bibelexegese huldigenden Alexandrinischen Schule. Dieser gegenüber stand die Antiochenische Schule mit ihrer Betonung einer grammatisch-historischen Methode in der Schrifterklärung. Ihre größte theologische Gestalt war der im Jahre 428 verstorbene Bischof Theodor von Mopsuhestia in Cilicien.

Seine wesentliche Bedeutung in der Geschichte der Kirche besteht darin, daß er die hypostatische Union (grundsätzliche, wesenhafte Einheit) der beiden Naturen in Christus bestritt und eine nur geistig-sittliche Einheit behauptete. Das führte dazu, daß ihn die orthodoxe Kirche des römischen Reiches verdammte, während er in der schismatischen Kirche der Nestorianer, jener Kirche, die sich im Laufe der Zeit vom persischen Mesopotamien aus bis nach China ausdehnte, die eigentliche Autorität wurde.

Neben seiner heterodoxen Christologie vertrat Theodor von Mopsuhestia aber auch die Lehre von der Wiederbringung aller Dinge. In einer den Nestorianismus bekämpfenden Schrift aus der Zeit von 540 heißt es über ihn: „Das Gericht Gottes, die einzige Stärkung der Stehenden und die einzige Wiederaufrichtung der Gefallenen, das Heilmittel der Sünder und das würdige Ende des Teufels, dieses Gericht, und die Hölle und die Finsternis und das Knirschen der Zähne und alles andere, womit die Gottlosen und die Sünder bedroht werden, verlacht der Elende, indem er auch selbst das Gericht nicht erwartet und auch die andern dazu aufruft, keine Furcht zu haben, weil er glaubt, daß es eine bloße Drohung sei. Wehe, wehe!“

Dagegen wurde in der nestorianischen Kirche auch Theodors Lehre von der Wiederbringung übernommen, und Jahrhunderte lang dürfte so durch den asiatischen Kontinent hindurch das Evangelium von der Allversöhnung erklungen sein, bis die Mongolenstürme der nestorianischen Kirche ein Ende zu bereiten begannen. Jedenfalls hat noch im Beginn des dreizehnten Jahrhunderts der nestorianische Metropolit Salomon von Basra im südlichen Mesopotamien in seinem „Buch der Biene“ auf die Frage, „ob die Sünder und die Dämonen in der Hölle Barmherzigkeit erlangen werden, nachdem sie gepeinigt worden sind und gelitten haben und gestraft worden sind“, geantwortet: „Einige der Väter erschrecken uns über unsere Kraft und stürzen uns in Verzweiflung; und ihre Meinung ist sehr geeignet für diejenigen, welche gering an Erkenntnis sind, und die Gesetzesübertreter; andere von ihnen stärken uns und gründen uns auf die göttliche Barmherzigkeit; und ihre Meinungen sind nützlich und geeignet für die Vollkommenen und die im Geist Gefestigten und die Frommen.“ Dabei berief sich Salomon von Basra ausdrücklich auf den „Herrn Theodor, den Ausleger“.

5.
Obschon die beiden prominentesten Vertreter der Lehre von der Apokatastasis in der alten Christenheit von der orthodoxen Kirche verworfen wurden, lebte doch die Lehre selbst wenigstens in der orthodoxen Christenheit des Ostens als mehr oder weniger verborgener Strom bis auf den heutigen Tag weiter.

Neben Origenes und Theodor von Mopsuhestia hatte in der alten Kirche auch der große kleinasiatische Theologe Gregor von Nyssa die Wiederbringung aller Dinge gelehrt. In seinem wohl im Jahre 379 verfaßten Werke „Über die Schöpfung des Menschen“ schreibt er z. B.: „Die Gnade der Auferstehung verheißt uns nichts anderes als die Wiederherstellung der Gefallenen in den ursprünglichen Zustand; eine Rückkehr nämlich ist die erwartete Gnade zum ursprünglichen Leben, indem sie den aus dem Paradies Verstoßenen wiederum in dieses zurückführt; wenn nun das Leben der Wiederhergestellten demjenigen der Engel entspricht, so ist klar, daß auch das Leben vor dem Fall ein engelgleiches Leben war.“ Allerdings bedarf es für viele Wesen zur Erreichung dieses Zieles einer leidensvollen Läuterung: „Diejenigen“, sagt Gregor in seiner „Großen Katechese“, „deren Leidenschaften sich verhärteten, und die kein Mittel zur Reinigung von der Befleckung anwandten, müssen in das ihnen Entsprechende gelangen; dem verunreinigten Golde aber entspricht nur der Schmelzofen, damit die Natur in langen künftigen Weltzeitaltern für Gott als eine reine gerettet werden kann“. Trotz dieser Darlegungen wurde Gregor von Nyssa aber von seiner Kirche nie verurteilt, sondern gilt bis auf den heutigen Tag als einer ihrer großen Väter.

Auch die Hoffnungen Maximus des Bekenners, des bedeutendsten byzantinischen Theologen des siebenten Jahrhunderts, gingen in der Richtung auf die Wiederherstellung des Alls. Doch redete er in seinen Ermahnungen mit Nachdruck auch von der Ewigkeit der Höllenstrafen, weil es, nach seiner Meinung, gefährlich sei, der großen Menge die Wiederherstellung aller Dinge zu verkünden, diese vielmehr nur den erlauchten Geistern kundzutun, im übrigen aber „mit Schweigen zu ehren“ sei.

In der neuern Zeit sind es vor allem einige russische Religionsphilosophen, die der Wiederbringung aller Dinge zuneigen, wenn sie auch im Hinblick auf das Problem der menschlichen Freiheit zu keiner unbedingten Bejahung kommen.

In seiner „Philosophie des freien Geistes“ von 1927 sagt z. B. Nikolaj Berdjajew: Die Frage, ob Alle gerettet werden, könne zwar nicht rational (von der Vernunft her) gelöst werden; aber wir müßten mit allen Kräften unseres Geistes danach trachten, daß Alle gerettet werden; dieses Trachten nach einer allgemeinen Rettung entspreche dem Geiste der Orthodoxie, besonders der russischen Orthodoxie, sehr. Andrerseits müsse man erkennen, daß sich bei der Annahme einer solchen allgemeinen Rettung die größten Schwierigkeiten vom Problem der Freiheit her erhöben; die Idee von der Hölle habe ihre Begründung nicht in Gottes Gericht und Strafe, sondern in der menschlichen Freiheit; Gott könne den Menschen nicht gewaltsam retten und ihn gewaltsam ins Paradies treiben; Er wolle keine Vergewaltigung der menschlichen Freiheit; der Mensch könne die Qualen des Außer-Gott-Seins der Seligkeit in Gott aus freien Stücken vorziehen; er habe gleichsam ein Anrecht auf die Hölle. Aber schließlich kommt Berdjajew doch dazu, zu sagen: „Möglich ist es noch, die Höllenqualen vom Standpunkt des Menschen aus zuzugeben; aber unmöglich ist es, sie vom Standpunkte Gottes aus zu bejahen“. Ähnliche Erörterungen finden sich etwa bei Pawel Florenskij und Leo Karsawin; ja der letztere sagt geradezu: „In der Orthodoxie lehren nicht nur Origenes, sondern auch Gregor von Nyssa, durch den Glauben an die Absolutheit der göttlichen Güte gefestigt, die Errettung Aller; diese Lehre, welche nur in jener Gestalt verurteilt wurde, die ihr Origenes gab, ist nach meiner Ansicht eine der mächtigsten Überlieferungen der Orthodoxie“.

Demgemäß dürfte es richtig sein, wenn der bulgarische Theologe Stefan Zankow in seinen 1927 in Berlin gehaltenen Vorträgen über „Das orthodoxe Christentum des Ostens“ sagt, daß in der orthodoxen Kirche nur wenige ruhig und absolut den Gedanken annehmen könnten, daß es in alle Ewigkeit, trotz der Liebe und der Gnade Gottes, ewig verdammte Menschen und eine ewige Sünde geben werde; man begreife wohl den tief antithetischen und antinomistischen Charakter des Problems, daß die Liebe Gottes und die Freiheit des Menschen gegeneinander stehen könnten; aber wie das orthodoxe Christentum in allen übrigen großen Problemen seines Glaubens die Synthese suche, die eigentliche Lösung dieser Probleme mystisch-intuitiv erfassen wolle und zuletzt doch durch die Liebe und in der Liebe alle Lösungen zu finden strebe, so sei es auch in diesem letzten aller Probleme.

6.
Für den morgenländischen Christen ist Gott in erster Linie Licht, Leben und Liebe in einer oft fast unpersönlichen, sachlichen, naturhaften Weise, und von da aus liegt ihm die Annahme der Allbeseligung und der Wiederbringung aller Dinge besonders nahe. Im abendländischen Christentum dagegen herrscht ein voluntaristischer (den Willen als allein maßgebend betrachtender) Gottesbegriff vor, demgemäß Gott in erster Linie Herr, Gebieter, Herrscher, König und Weltenrichter ist; und von da aus kann auch die Behauptung eines doppelten Ausgangs der Weltgeschichte wohl begründet werden.

In der Tat herrscht im abendländischen Christentum die Annahme vor, daß es neben der ewigen Seligkeit eine ewige Unseligkeit geben werde, besonders nachdem Augustin in seinem Werke über den Gottesstaat die Lehre von der Wiederbringung aller Dinge ausdrücklich abgelehnt hatte. Ja der Satz von der Ewigkeit der Höllenstrafen wurde sogar in das sogenannte Athanasianische Glaubensbekenntnis aufgenommen und damit zur verbindlichen Lehre erhoben.

Dennoch ließen sich auch in der abendländischen Christenheit immer wieder Stimmen hören, welche die Lehre von der Apokatastasis vertra­ten, sowohl in der mittelalterlichen Kirche als im neuzeitlichen Katholizismus als besonders zahlreich in den mannigfaltigen Gruppen des Protestantismus.

7.
Eine solche Stimme aus der Welt des Mittelalters war diejenige des aus Irland stammenden und an der Hofschule Karls des Kahlen wirkenden Johannes Scotus. Während kurz vorher der sächsische Mönch Gottschalk die Lehre von einer doppelten Prädestination in schroffster Form vertreten und damit eine große Auseinandersetzung innerhalb der Kirche des karolingischen Reiches hervorgerufen hatte, verkündete Johannes Scotus in seinen „Fünf Büchern über die Einteilung der Natur“ im Gegenteil die vollständige Rückkehr des menschlichen Geschlechts und der ganzen sichtbaren Schöpfung überhaupt in ihre Ursprünge. Allerdings sind in seinem System die großen Wahrheiten des christlichen Glaubens von der Schöpfung der Welt aus dem Nichts, vom Fall der Menschheit aus der paradiesischen Herrlichkeit und von ihrer durch Christus bewirkten Rückkehr in diese durchaus in das Grundschema des Neuplatonismus, wonach alle Dinge aus Gott ausfließen und in Gott zurückkehren, eingebaut, so daß seine Lehre nur mit größtem Vorbehalt als eine christliche Lehre von der Wiederbringung aller Dinge in Anspruch genommen werden darf. Es ist daher auch wohl begreiflich, daß sie schließlich von der Kirche verurteilt wurde.

Nachdem am Anfang des vierzehnten Jahrhunderts Dante mit seinem dichterischen Genie die Furchtbarkeit der Höllenstrafen geschildert und dem Verräter Christi die größte Pein, das ständige Zermalmtwerden durch Luzifer, zugesprochen hatte, vertrat am Ende des Jahrhunderts der spanische Bußprediger Vincentius Ferrer zwar nicht die Lehre einer allgemeinen Apokatastasis, jedoch wenigstens die Beseligung eben dieses Judas Ischariot: Judas Ischariot sei nach der Verurteilung Christi von einer wahren Reue erfaßt worden und habe zu dem am Kreuze hangenden Christus gelangen wollen, um Ihn um Verzeihung zu bitten; jedoch habe er wegen des Gedränges nicht leiblich zu Ihm gelangen können; um aber wenigstens mit seiner Seele zu Christus zu kommen, habe er sich das Leben genommen, sei als bloße Seele zum Kreuz gelangt, habe unverzüglich Vergebung erfahren und sei mit Christus in den Himmel erhoben worden. Wegen dieser Erzählung wurde allerdings Ferrer auf Ketzerei angeklagt; doch wurde der Prozeß niedergeschlagen.

8.
Auch im neuzeitlichen Katholizismus gehört die Behauptung der Ewigkeit der Höllenstrafen zur offiziellen Lehre. Doch haben sich auch in ihm gelegentlich Stimmen erhoben, die in der Richtung der Apokatastasis weisen.

Eine solche Stimme ist diejenige des zunächst in Tübingen, dann in Freiburg i. Br. wirkenden Moraltheologen Johann Baptist Hirscher. In seinem 1835 in erster und 1851 in fünfter Auflage erschienenen dreibändigen Werk: „Die christliche Moral als Lehre von der Verwirklichung des göttlichen Reiches in der Menschheit“ schließt er zwar die Möglichkeit nicht aus, daß es Verruchte gebe, denen das Leben zur Auswickelung alles bösen Samens in ihnen und zur Vollherrschaft des Geistes der Sünde ausgeschlagen habe, und die deshalb zur ewigen Strafe eingehen müßten. Aber der eigentliche Ton in seinen eschatologischen Betrachtungen liegt auf den Vorkehrungen Gottes zur Heiligung auch der Abgeschiedenen: Christus herrsche bis zur endlichen Tilgung aller Seiner Widersacher, sonach bis zur endlichen Tilgung aller tilgbaren Sünde; wie Er nach Seiner Auferstehung den Toten das Evangelium verkündet habe, so tue Er es fort und fort.

Noch stärker wurde die überlieferte Lehre von der Ewigkeit der Hölle in Frage gestellt durch den Würzburger Dogmatiker Herman Schell. Zwar spricht er in seiner von 1889 bis 1893 veröffentlichten „Katholischen Dogmatik“ durchaus von einer „ewigen Verdammnis der Gottlosen“. Doch in seinem 1895 und 1896 erschienenen Werk: „Gott und Geist“ heißt es: „Der Monotheismus ist mit der Lehre von der tatsächlichen Ewigkeit der Hölle durch keinen notwendigen und innern Zusammenhang verknüpft; die Majestät Gottes schließt nur die Annahme aus, die Strafgerechtigkeit Gottes könne etwa aus Gründen des Mitleids der verstockten Bosheit gegenüber irgendwann einmal ohnmächtig werden; solange die Sünde dauert, fordert sie Bestrafung; … die kirchliche Glaubenslehre kennt nur das Bekenntnis des Lebens als einer unbedingten Gottestat; der ewige Tod im Sinne der tatsächlichen Verewigung von Sünde und Strafe ist nur eine bedingte Wahrheit; das tatsächliche Eintreten der Bedingung in ihrem vollen Umfange ist indes weder eine Offenbarungslehre noch ein kirchlicher Glaubenssatz; vielmehr ist auch die allgemeine Wiederherstellung der ganzen Geisterwelt durch volle Buße und Unterwerfung zu allen Zeiten als Lehre der Propheten, des Evangeliums und der Apostel verteidigt worden; … die Apokatastasis ist eine Idee, welche von der göttlichen Tugend der Hoffnung auf die persönliche Treue und Güte der Gottheit gegründet ist.“ Am 15. Dezember 1898 wurde mit andern Schriften Schells auch das Werk „Gott und Geist“ auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt.

Trotz dieser Verurteilung dürfte jedoch die Hoffnung auf eine Allbeseligung im römischen Katholizismus keineswegs ausgestorben sein, und zahlreiche Gläubige dieser Kirche mögen wie der schottische Bischof James Michael Gabriel, von dem Bruce Marshall in seinem Roman: „Alle Herrlichkeit ist innerlich“ erzählt, denken: „Wir wissen, daß es eine Hölle gibt, weil Gott es uns gesagt hat, und Gott kann weder täuschen noch getäuscht werden; aber wir sind nicht verpflichtet, zu glauben, daß jemand darin sei; sogar dem Judas Ischariot mag Gott die Gnade letzter Reue gewährt haben, als er vom Baum stürzte und all sein Eingeweide ausgeschüttet ward.“

9.
Vom römischen Katholizismus der Gegenwart wenden wir uns zu den Anfängen des Protestantismus zurück.

Für die Reformatoren stand gemäß der wesentlichen Tradition der westlichen Christenheit ebenfalls der doppelte Ausgang der Weltgeschichte fest. Und entsprechend ihrer Betonung des souveränen Handelns Gottes ließen sie diesen Ausgang in der Vorherbestimmung Gottes begründet sein.

Doch traten auch im Reformationszeitalter Zeugen der Wiederbringung auf. Der bekannteste von ihnen ist der im Jahre 1527 in Basel als Asyl suchender Flüchtling an der Pest gestorbene Spiritualist Hans Denck. Für ihn ist Gott die stille Liebesmacht, die im Innern jedes Menschen west und wartet, bis der Mensch sich ihr erschließt und sich aus der Verlorenheit zurückgewinnen läßt, und die nicht ruht, bis Alle zurückgewonnen sind; die Drohung der Heiligen Schrift mit dem ewigen Feuer habe erzieherischen Sinn; die Gottlosen sollten dadurch zur Buße gerufen wer­den, damit sie nicht nach dem Tode in langen Qualen geläutert werden müßten. Auch in gewissen Kreisen des Täufertums war, vielleicht unter dem Einfluß Dencks, die Hoffnung auf die Wiederbringung verbreitet; so ist z. B. in der 1530 veröffentlichten Schrift des lutherischen Pfarrers Justus Menius über „Der Wiedertäufer Lehre und Geheimnis“ als deren sechster Glaubensartikel genannt: „Alle Verdammten und Gottlosen, dazu auch der Teufel selbst, werden noch endlich selig werden.“ Sowohl in der lutherischen Confessio Augustana als in der reformierten Confessio Helvetica Posterior wird jedoch diese Lehre ausdrücklich verworfen.

10.
Eine weitere Verbreitung fand der Glaube an die Wiederbringung aller Dinge erst im Zeitalter des Pietismus.

Eine entscheidende Anregung dazu ging von der Engländerin Jane Leade aus. In einer gewaltigen Vision sah diese im Jahre 1686 in der himmlischen Welt Adam und Eva auf Thronen sitzen und gegenüber den Zweiten Adam, Christus, auf Seinem Thron samt der Jungfrau Maria auf ihrem Thron und immer neue Scharen von abgeschiedenen Seelen zu ihnen hinaufkommen; jedesmal, wenn wieder eine neue Schar kam, standen Adam und Eva auf und verneigten sich in großem Frohlocken und großer Freude darüber, daß ihre Kinder dahinauf gekommen seien; auf eine an sie gerichtete Frage antwortete Eva, daß alle ihre Kinder und Nachkommen durch Christus aus allen Gefängnissen, Höhlen und Mittelpunkten der Finsternis erlöst werden sollten; und der Zweite Adam fügte hinzu: „Verwunderst du dich schon über diese völlige und vollkommene Erlösung meiner Geschöpfe in der Menschheit, was willst du dann sagen, wenn die Liebe der unermeßlichen Gottheit sich noch, wunderbarlicher und tiefer offenbaren und sogar auch den Fall Luzifers und sein Fürstentum erreichen und bewirken wird, daß auch sie wieder zu ihrer ursprünglichen Herrlichkeit gebracht werden?“ Nach dieser Vision begann Jane Leade in der Schrift zu forschen und fand das Geschaute bestätigt. Darauf verkündete sie dieses „Ewige Evangelium“, wie sie es nannte, in zahlreichen Schriften und sammelte um es herum eine ansehnliche Anhängerschaft, vor allem in den Niederlanden und in Deutschland, die sogenannte „Philadelphische Gemeinschaft“. Auf die Frage, ob die öffentliche Verkündigung der Wiederbringung nicht gefährlich sei, antwortete Jane Leade, daß die Predigt ewiger Höllenstrafen gar geringe Wirkung gehabt habe, daß hingegen, wenn die Kraftwelt der Liebe richtig bekannt gemacht werde, diese ungleich mehr auf die Gemüter der Verkehrten und Hartnäckigen wirke.

Zu denjenigen, welche in Deutschland von der „Philadelphischen Gemeinschaft“ der Jane Leade erfaßt wurden, gehörten vor allem der ehemalige lutherische Superintendent Johann Wilhelm Petersen und seine Frau Johanna Eleonore Petersen, und in eindrucksvollen Schriften trugen sie die Botschaft von der Wiederbringung aller Dinge in weite Kreise hinein. Zu diesen Schriften gehört die 1720 erschienene lateinische Dichtung: „Uranias, in welcher die großen Werke Gottes, wie sie nach dem Ablauf aller zurückliegenden Weltzeitalter und Ökonomien bis zur Wiederbringung aller Welten durch den Geist des Erstgeborenen aufs herrlichste vollendet werden sollen, in einem epischen Gedicht gefeiert werden.“ Über die „Uranias“ schrieb kein Geringerer als Gotthold Ephraim Lessing: „Petersen war ein sehr gelehrter und sinnreicher Mann und kein gemeines poetisches Genie; seine ‚Uranias‘ ist voll trefflicher Stellen; und was kann man mehr zu ihrem Lobe sagen, als daß Leibniz sie zu verbessern würdigte, nachdem er selbst den Plan dazu gemacht hatte?“

Aus dem Bannkreis der philadelphischen Bewegung stammt auch die in den Jahren 1726 bis 1742 in acht Foliobänden erschienene „Berleburger Bibel“, ein in Berleburg geschaffener und gedruckter Bibelkommentar, der vor allem auch den eschatologischen Gehalt der Schrift herauszuarbeiten sucht. Im Anschluß an das Wort der Offenbarung Johannis: „Und der auf dem Thron saß, sagte: Siehe, ich mache alle Dinge neu!“ wird etwa bemerkt: „Wir sind nicht befugt, eine einzige von den in die Sünde gefallenen und unter den Fluch geratenen Kreaturen von der Wiederneumachung oder endlichen Wiederbringung auszunehmen, weil es schlechthin ‚alle Dinge‘ heißt.“

11.
Eine wahre Heerschar von solchen, welche der Lehre von der Wiederbringung aller Dinge anhingen und sie zum Teil auch verkündeten, erstand in denjenigen Kreisen des württembergischen Pietismus, für welche das Reich Gottes und das universale Heil den wesentlichen Inhalt ihres Glaubens und Hoffens bildeten.

Der erste große Vertreter dieser Heerschar war der 1752 als Prälat verstorbene Johann Albrecht Bengel. In erster Linie bewegten ihn die Fragen nach dem Fortschreiten des Reiches Gottes in der menschlichen Geschichte und dem Anbruch des Tausendjährigen Reiches. Doch sah er über dieses hinaus auch auf die Wiederbringung aller Dinge, war aber der Meinung: „Wer von der Wiederbringung aller Dinge Einsicht hat und sagt es aus, der schwätzt Gott aus der Schule.“

Ein Schüler Bengels war der ebenfalls zur Würde eines Prälaten aufgestiegene Friedrich Christoph Oetinger. Aber er ging über seinen Meister unter anderem dadurch hinaus, daß er erstens auch die ganze Natur in die Heilsgeschichte hineinzog – in seinem „Biblischen und Emblematischen Wörterbuch“ von 1776 findet sich der berühmte Satz: „Leiblichkeit ist das Ende der Werke Gottes“ –, daß er zweitens die Welt der Abgeschiedenen aufs stärkste in sein Blickfeld hineinnahm – der Tradition nach soll er den Geistern der Verstorbenen um Mitternacht, sei es im Freien, sei es in der Kirche, gepredigt haben –, und daß er drittens die Wiederbringung aller Dinge laut und offen verkündete. So führte er z. B. in einer Predigt aus, daß Gott die Liebe sei, daß Sein Zorn gegen die Liebe nur einen Augenblick währe, und daß die Strafen der Hölle darauf hinausliefen, daß alle Kreatur sage: „Lob und Ehre und Preis und Gewalt sei dem, der auf dem Stuhl sitzt, und dem Lamme von Ewigkeit zu Ewigkeit“; es sei kein Vorwitz, keine unnötige Lehre, sondern eine Sache, die wir zur Ehre Gottes und zum echten Verständnis des Neuen Testamentes glauben und bezeugen müßten, daß Alle und Jede, die ins Gericht fallen, nach ausgestandenem Gerichte Gott und dem Lamme für ihre Strafen danken und Recht geben werden; und darum müsse man sich in diesem Punkte von der überlieferten Lehre der Kirche trennen. Im schon genannten „Biblischen und Emblematischen Wörterbuch“ heißt es immerhin, daß die Wiederbringung einem Gläubigen bekannt werde nicht durch ein „Pro-und-contra-Disputieren“, sondern durch das „unzerstörliche Wesen des sanften und stillen Geistes“; in diesem führe der Heilige Geist in alle Wahrheit ein.

Neben den beiden Prälaten steht der Laientheosoph und Laienprediger Johann Michael Hahn, der Begründer der noch heute in Württemberg und Baden weithin verbreiteten Gemeinschaft der „Michelianer“. Sein stark von Jakob Böhme bestimmtes System hat er in den um 1812 geschriebenen „Briefen über die erste Offenbarung von der Schöpfung bis ans Ziel aller Dinge“ dargelegt. Darin heißt es über das Ende der Heilsgeschichte: „Also auch der Teufel muß sich ergeben und in Gottes Erbarmen ersinken, nachdem er das Gericht lange und endlich allein noch lange getragen hat; denn es kann nicht anders sein: Alles wird erneuert; das kraftvolle Wesen der Alles reinigenden Tinktur dringt durch und verwandelt Alles in seine Natur; und darum sage ich noch einmal: es wird kein Tod, kein Teufel mehr sein noch sein können, und das darum, weil Gott selber in allen Seinen Geschöpfen das sein wird, was Er, ehe Er sich offenbarte, in Naturen und Kreaturen sein wollte und zu sein verlangte.“ In seiner Ethik forderte Hahn ein ernstes Leben der Heiligung unter starker Betonung der Ehelosigkeit. Wie wesentlich ihm die Lehre von der Wiederbringung war, zeigt der Ausspruch: sie sei ein großer, alles in sich fassender Teil der Lehre von der Versöhnung; es sei nicht möglich, daß man ohne diesen Begriff die ganze Wahrheit erkennen könne; die ganze Heilige Schrift sei voll davon: „ich für meinen Teil wünschte lieber nicht geboren zu sein, als keine Wiederbringung aus der Heiligen Schrift glauben zu können, ob ich schon mich für meine Person nicht darauf verlasse“.

Ein Gegenstück zur Gemeinschaft der Michelianer ist die ebenfalls noch heute bestehende Gemeinschaft der Pregizerianer. Sie trägt ihren Namen von dem von 1795 bis 1824 in Haiterbach wirkenden Stadtpfarrer Christian Gottlob Pregizer und betont nicht so sehr die Heiligung als die Rechtfertigung, und zwar so, daß die Freude über die erfahrene Rechtfertigung sich in ihrer ganzen Lebenshaltung äußerte; so sangen die Pregizerianer z. B. „ihre Lieder am liebsten nach fröhlichen Melodien, selbst nach Gassenhauern, so daß die vor den Fenstern lauschende Dorfjugend danach tanzte“. Aber im Glauben an die Wiederbringung aller Dinge sind diese „Juchhechristen“, wie der Volksmund sie nannte, mit den Michelianern einig.

Doch auch in weiten Kreisen des übrigen württembergischen Pietismus lebte die Überzeugung von der Wiederbringung aller Dinge weiter, nur daß sie davon nicht „von den Dächern predigten“ wie die Michelianer und Pregizerianer, sondern die Lehre mehr als Geheimlehre behandelten. Ein prominenter Vertreter dieser Kreise war der große Missionsmann, Schriftsteller und Liederdichter Christian Gottlob Barth, von 1838 bis 1862 Leiter des Calwer Verlagsvereins. Von ihm stammt das Lied: „Der Du in Todesnächten / Erkämpft das Heil der Welt / Und Dich als den Gerechten / Zum Bürgen dargestellt, / Der Du den Feind bezwungen, / Den Himmel aufgetan, / Dir stimmen unsre Zungen / Ein Hallelujah an!“, und von ihm soll auch das drastische Wort geprägt worden sein: „Wer an die Wiederbringung nicht glaubt, ist ein Ochs; wer sie aber lehrt, der ist ein Esel.“

12.
Aber nicht nur von pietistisch-biblizistischer Seite erhob sich Widerspruch gegen die Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafen, sondern auch von einer mehr oder weniger von der Aufklärung beeinflußten Theologie.

Eine solche vertrat z. B. die aus Genf stammende Marie Huber. 1731 veröffentlichte sie die Schrift „Verschiedene Ansichten einiger Theologen über den Stand der von den Leibern getrennten Seelen“. Darin sagt sie unter anderem: Es sei in der Tat wahr, daß, wenn die Hölle eines Tages enden solle, diese Hölle nur noch ein Stand der Läuterung sein werde, wie lang auch immer seine Dauer und wie heftig seine Strafe sei; aber dieser Stand habe keinerlei Beziehung zum Purgatorium der römischen Katholiken, indem dieses ein mittlerer Stand zwischen dem Paradies und der Hölle sei. Gegen die Schrift von Marie Huber wandte sich der Lausanner Professor Abraham Ruchat.

Für die Apokatastasis sprach sich auch der aus Bern vertriebene und im Neuenburgischen lebende Beat Ludwig von Muralt aus. In seinen 1739 erschienenen „Lettres fanatiques“ legte er unter anderem dar, daß seit der Himmelfahrt Christi Nacht über der Kirche Jesu Christi geherrscht habe; zu den Lehren aus dieser Nachtzeit der Kirche gehöre aber das Dogma von der Ewigkeit der Strafen; noch schlimmer sei allerdings das Dogma von der doppelten Prädestination, das die Eigenschaften der Gottheit vollends bedecke; aber „die Stunde der Mitternacht mußte auch ihr Dogma haben“; doch nun kündige der Morgenstern den beginnenden Tag an, indem die Wahrheit von der allgemeinen Wiederherstellung sich auszubreiten beginne.

Zwanzig Jahre nach dem Erscheinen der „Lettres fanatiques“ erhob sich im Neuenburgischen wiederum eine Stimme zugunsten der Wiederbringung. Es war diejenige des Pfarrers Ferdinand Olivier Petitpierre von La Chaux-de-Fonds. Aber sie wurde rasch zum Schweigen gebracht, indem die geistliche Behörde Petitpierre absetzte und des Landes verwies. Friedrich der Große soll darauf gesagt haben: Wenn seine Unter­tanen im Neuenburgischen denn so gerne ewig verdammt würden, so sollen sie es sein.

In Deutschland war der Wortführer der Aufklärungstheologie im Kampf gegen die Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafen der Berliner Pfarrer und spätere Hallenser Philosophieprofessor Johann August Eberhard. Im Jahre 1772 trat er mit dem Werk hervor: „Neue Apologie des Sokrates oder Untersuchung der Lehre von der Seligkeit der Heiden.“ Darin erhob er gegen Leibniz den Vorwurf, daß er in seiner „Theodizee“ exoterisch (nach außen, an die Allgemeinheit sich wendend), aus Rücksicht auf die Orthodoxie, die Ewigkeit der Höllenstrafen vertrete, obschon er esoterisch (insgeheim, im Kreise der „Eingeweihten“) anderer Meinung sei. Diese Behauptung rief Lessing zur Verteidigung des über alles verehrten Meisters auf den Plan, und es kam zu einem längeren Streit um die Seligkeit der Heiden und die Ewigkeit der Höllenstrafen. Im Grunde hatte Leibniz nur sagen wollen, daß selbst, wenn man, wie es allgemein üblich sei, die Ewigkeit der Höllenstrafen annehme, dadurch doch seine Lehre von der Theodizee nicht in Frage gestellt werde, hatte aber ausdrücklich hinzugefügt, daß „ein Anhänger des Origenes mit seinem Verlangen, alle Vernunftwesen mögen glücklich werden, noch leichter zufriedenzustellen“, d. h. daß die Annahme der Allbeseligung mit der Lehre von der Theodizee noch leichter in Einklang zu bringen sei.

13.
Seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts fand der Glaube an die Allbeseligung auch in der angelsächsischen Welt diesseits und jenseits des Atlantischen Ozeans immer mehr Anhänger, und zwar in den verschiedensten Denominationen, sowohl unter den Anglikanern als auch den Presbyterianern, den Kongregationalisten, den Baptisten, den Quäkern und den Methodisten.

Eine besondere Bedeutung gewann der 1741 in England geborene John Murray. Als Prediger in der von George Whitefield begründeten streng calvinistischen Gruppe des Methodismus wurde er, nachdem er selbst durch die Lehre von der doppelten Prädestination in schwerste Anfechtungen hineingeführt worden war, von der Wahrheit der universalen Erlösung erfaßt, deswegen aber von seiner Gemeinschaft ausgeschlossen. Da wandte er sich 1770 nach den englischen Kolonien in Nordamerika, verkündete dort als Wanderprediger weitherum seine Botschaft und schuf schließlich mit einigen Gesinnungsgenossen im Jahre 1790 die „Independent Church of Christ, commonly called Universalists“.

Bald darauf übernahm der aus dem Baptismus hervorgegangene Hosea Ballou die Leitung der Gemeinschaft und prägte ihr den Geist des Unitarismus auf, so daß die heute noch bestehende „Universalist Church“ in den Vereinigten Staaten und in Kanada einen Universalismus auf unitarischer Grundlage vertritt.

14.
Der Aufklärung traten die verschiedensten Bewegungen entgegen, und auch in diesen fand der Glaube an die Wiederbringung aller Dinge weithin seine Vertreter.

Einen Auftakt zu dem die Aufklärung überwindenden Zeitalter bildet der seit 1748 im Erscheinen begriffene „Messias“ Friedrich Gottlieb Klopstocks. Auch durch diese gewaltige Dichtung geht ohne Zweifel ein Zug auf die Gesamterlösung hin. Als die Seele Judas Ischariots in die Hölle geworfen wird, sagt der Wache haltende Seraph, mit dem Schwert in die Tiefe weisend: „Dies ist der Gerichteten Wohnung und deine! / Daß sie nicht, die Erdgebornen, die Sünder, den Tod hier / Leiden, den ewigen Tod, stirbt Jesus Christus am Kreuze!“ Und als nach der Auferstehung des Messias Adam Blicke in das kommende Weltgericht tun darf, schaut er nicht nur, wie der gefallene Engel Abbadona zu Gnaden angenommen wird, sondern auch wie die in der Sintflut Umgekommenen erlöst emporsteigen, und wie die ganze fluchbeladene Erde sich wieder in Eden verwandelt. Diesen durch die Dichtung hindurchgehenden Zug auf eine universale Erlösung hin bestätigt übrigens Klopstock selbst, indem er seinem Biographen schreibt: „Es tut mir leid, daß Sie eine Anmerkung, die Sie hätten machen sollen, nicht gemacht haben, nämlich, daß ich die Ewigkeit der Höllenstrafen nicht annehme; ich habe dies ja durch Abbadonas Erlösung und auch sonst im ‚Messias‘ gezeigt.“

Zu den von Klopstock Erfaßten und Begeisterten gehörte vor allem der Zürcher Pfarrer Johann Caspar Lavater. In seinen von 1768 bis 1773 erschienenen „Aussichten in die Ewigkeit“ handelt der zweiundzwanzigste Brief „Von dem Elend der Verdammten“; darin heißt es unter anderem, daß es geradezu lästerlich wäre, zu sagen, daß Gott bei diesen Strafen, die sich die Verdammten freilich selbst zugezogen hätten, keinen Zweck hätte, der auch sie selbst betreffen würde; Gott könne Seine Geschöpfe nicht hassen; Er sei nicht gnädig in der Zeit und grausam in der Ewigkeit; Sein Zweck könne auf nichts anderes als die Verbesserung und Herstellung aller Seiner Werke zielen. Im folgenden Brief ist sodann „Von den Gesinnungen der Verklärten in Absicht auf die Verdammten“ die Rede: Wenn wir uns bewußt seien, daß unsre jetzige und künftige Liebe aus Gott sei, Liebe aus Seiner Liebe, dann würden wir uns einen Begriff von den Gesinnungen der Verklärten in Absicht auf die Verdammten machen können; und dann folgen die Verse: „Ewig bist Du die Liebe, im Himmel Liebe, die Liebe, / Wo Du Welten erschaffst und Welten zerstörest, die Liebe / In der furchtbaren Nacht der flammenströmenden Hölle. / Seligkeit Aller willst Du, nicht Eines Tod und Verderben! / Ach, Dein Zorn ist nicht Zorn; was Grimm die Leidenden nennen, / Ist nur ernsterer Ruf zu Deiner Liebe Genuß, ist / Gleich dem Donner-Gewitter, das Lüfte reinigt und Segen / Über die Felder ergießt, die unter dem Donner erzittern. / Wer den gelindern Ruf mit Kinder-Freude nicht annahm, / Donnern Gewitter der Höll‘, ihn brüllt der Verdammnisse Wut an.“ Schließlich heißt es am Schlusse des letzten Briefes, daß es endlich dazu kommen werde, daß nicht nur alle Menschen, nicht nur alle Myriaden der Engel, sondern alle Geschöpfe Den, der auf dem Throne sitzt, und das Lamm anbeten werden.

Von Lavaters „Aussichten in die Ewigkeit“ wurde neben vielen andern Johann Friedrich Oberlin, der „Vater des Steintals“, ergriffen. Auch ihm erstreckte sich das göttliche Erlösungswerk in die Welt der Abgeschiedenen hinein. Ja er wußte sich durch Träume und Visionen mit dieser Welt der Abgeschiedenen persönlich verbunden und zeichnete geradezu eine Karte der jenseitigen Welt mit den verschiedenen Aufenthaltsorten der Dahingegangenen. Darauf findet sich allerdings auch die Hölle; aber sie galt ihm doch nur als Durchgangspunkt der Läuterung, und gelegent­lich sprach er selbst in seinen Predigten offen von der Erlösung Aller. Ja, wenn jemand die Ewigkeit der Höllenstrafen verteidigte, soll er jeweilen geantwortet haben: Wenn Gott eines Seiner Geschöpfe ewig verdammen könnte, dann würde Er aufhören, Gott zu sein, und würde Teufel werden.

Der dritte im Bunde Lavaters und Oberlins ist Johann Heinrich Jung, genannt Stilling, der bekannte Staroperateur, Nationalökonom und Schriftsteller. Auch er beschäftigte sich eingehend mit dem Reich der jenseitigen Geister und deren Fortschreiten. Von 1793 bis 1800 veröffentlichte er in zwei Bänden „Szenen aus dem Geisterreiche“ und 1808 das Werk: „Theorie der Geisterkunde“. Darin steht der wesentliche Satz: „Die Regierung der Menschheit wird durch das Geisterreich, gute Engel und Geister bewirkt, welche, der Freiheit der Menschen unbeschadet und ihnen ganz unbewußt, durch allerhand Mittel den freien Willen nach dem Willen des Herrn zu lenken suchen; diejenigen Menschen, die an den Herrn und Sein Wort glauben und ihren Lebenswandel darnach einrichten, werden dann auch mitwirkende Werkzeuge in der Weltregierung, deren Zweck dahin geht, die so mächtig mit einwirkenden bösen Geister und Menschen nach und nach zu überwinden, den Erdkreis oder die gesamte Menschheit von ihrer Dienstbarkeit zu befreien und endlich alles Böse ganz aus dem Reich der Wirklichkeit zu vertilgen.“ Am 24. September 1808 verbot der Rat des Kantons Basel den Verkauf des Werkes – der Beschluß soll durch die Geisterfurcht der Frau Bürgermeisterin veranlaßt worden sein – und forderte von der Geistlichkeit ein Gutachten ein. In diesem wurde unter anderem auch die Möglichkeit einer Läuterung nach dem Tode bestritten. Darauf antwortete Jung-Stilling in seiner „Apologie der Theorie der Geisterkunde“: Die Lehre von der Reinigung nach dem Tode behaupte auch die griechische Kirche, und er kenne sehr viele fromme, gelehrte und erleuchtete Theologen in beiden protestantischen Kirchen, die sowohl in Ansehung der Reinigung nach dem Tod als auch der Wiederbringung aller Dinge mit ihm vollkommen einverstanden seien; daß man diese Lehre nicht auf die Kanzel bringen dürfe, das verstehe sich von selbst; er würde auch in seinen Schriften diesen Punkt nicht berühren, wenn uns die Philosophen und Neologen nicht den gegründeten Vorwurf machten, unsre Religion enthalte Lehren, welche die Würde des höchsten Wesens entehrten und Gott zu einem Tyrannen machten, der Seine Freude an den Qualen Seiner Geschöpfe habe; es sei ein abscheulicher Gedanke, daß in einem Gericht, wo die Liebe selbst Richter sei, endliche Sünde unendliche Strafen verdiene; aber daß der sündige Mensch von einer Periode seiner Existenz zur andern in immer wirksamere Zucht- und Verbesserungshäuser gebracht werde, bis er endlich für seinen Schöpfer und Erlöser gewonnen werde, das sei Gott geziemend, Seiner ewigen Liebe gemäß und recht.

15.
Auch das neunzehnte und das beginnende zwanzigste Jahrhundert weisen einen mächtigen Chor von Vertretern der Apokatastasis auf. Aus dem Gebiet des deutschsprachigen Protestantismus sei als Erster der große Berliner Theologe Friedrich Schleiermacher genannt. Für ihn war die Weltgeschichte ein auf Gottes Vorherbestimmung und Leitung beruhender Entwicklungsprozeß aus einer unvollkommenen Beschaffenheit der Welt zu einer die ganze Menschheit umfassenden Vollendung höchster Geistigkeit. So führt er in der Abhandlung „Über die Lehre von der Erwählung“ von 1819 aus, daß sich ewige Verdammnis mit der ewigen Vaterliebe Gottes nicht reimen wolle; vielmehr sei das, was man Verdammnis nenne, nur eine notwendige Entwicklungsstufe, und der Unterschied zwischen den gläubig und den ungläubig Sterbenden sei nur der Unterschied zwischen der früheren und der späteren Aufnahme in das Reich Christi; bei dieser Annahme seien nicht nur die ungläubig Sterbenden leichter zu ertragen, sondern auch die hier schon Begnadigten und die Seligen überhaupt; diesen nämlich müßte doch die Seligkeit durch den Gedanken an die ewig Ausgeschlossenen getrübt werden; oder könnten sie etwa selig sein, wenn sie das Mitgefühl für alles, was ihrer Gattung angehört, verlören? Ähnlich sagt Schleiermacher in seiner 1821/22 erschienenen Dogmatik, daß es keine genügenden Zeugnisse dafür gebe, daß Gottes Ratschluß über die Erlösung des Menschengeschlechtes für einige eine höchste Seligkeit bestimmt, für die andern aber unwiederbringliche Unseligkeit beschlossen habe; und darum müsse man wenigstens gleiches Recht jener auch in der Schrift bezeugten mildern Ansicht einräumen, „welche durch die Kraft der Erlösung eine dereinstige allgemeine Wiederherstellung aller menschlichen Seelen ahndet“.

Unter den Jüngern des Meisters Schleiermacher steht an einer der ersten Stellen Alexander Schweizer in Zürich, mehr als fünfzig Jahre Professor an der Universität und zugleich fast dreißig Jahre Pfarrer am Großmünster. Nachdem er sich in seinem 1854 und 1856 erschienenen zweibändigen Werk über „Die protestantischen Centraldogmen in ihrer Entwicklung innerhalb der reformierten Kirche“ ausführlich mit der Lehre von der doppelten Prädestination beschäftigt hatte, vertrat er in der von 1863 bis 1872 erschienenen wiederum zweibändigen „Christlichen Glaubenslehre nach protestantischen Grundsätzen“ als seine eigene Überzeugung die Lehre von der Apokatastasis. Ein unabänderlich fixiertes dualistisches Weltergebnis, führt Schweizer aus, widerspreche der christlichen Gottesidee, wenn Gott zwar das Heil Aller ernstlich wollen, aber doch nur an der weitaus geringern Zahl von Menschen erreichen solle. Auch könnten teils die Seligen nicht selig sein neben so vielen verdammt gewußten Brüdern, teils die Verdammten nicht durch Gewissensbisse gestraft werden, ohne daß aus diesen etwas zur Umkehr und Besserung Treibendes hervorginge. Ferner könne, wenn der Fromme seinem Beleidiger siebzigmal siebenmal, d. h. unaufhörlich vergeben solle, seine Liebe doch nicht weiter reichen als die des himmlischen Vaters; mithin sei diesem nicht zuzuschreiben, daß Er dieselbe einmal schlechthin zurückziehe.

Auch im zwanzigsten Jahrhundert machte sich ein theologischer Lehrer der Universität Berlin zum Anwalt der Lehre von der Apokatastasis, Reinhold Seeberg, der Führer der sogenannten „modern-positiven“ Richtung.

Neben den drei akademischen Lehrern steht ein Mann der Kirche und der Kirchenleitung, Sixt Karl Kapff, von 1852 bis 1879 neben seiner Mitgliedschaft im Konsistorium Prediger an der Stiftskirche in Stuttgart, nach Bengel und Oetinger der dritte württembergische Prälat, dem sich die Wiederbringung aller Dinge erschlossen hat. Kapff trug das Gepräge des württembergischen Pietismus und stand vor allem auch mit den Michelianern in innerer Verbindung. In einer biographischen Skizze heißt es von ihm: Die dem schwäbischen Pietismus so wichtigen chiliastischen Hoffnungen, der biblische Realismus der Beckschen Schule, die Sehnsucht nach Union der Konfessionen und dabei doch die Überzeugung von den Vorzügen der Lutherschen Lehre, namentlich gegenüber dem seinem ganzen Wesen so wenig sympathischen Prädestinationsdogma, das alles klang ineinander, aber alles mild und maßvoll, und hinter dem allem stand, unausgesprochen zwar, aber für den Kundigen doch bemerkbar genug, die Wiederbringungslehre der Hahnschen Gemeinschaft.“

Besonders kräftig aber erscholl in Württemberg die Botschaft von der universalen Erlösung von Bad Boll aus, von 1852 bis 1919 die Wirkungsstätte Johann Christoph Blumhardts und seines Sohnes Christoph, der beiden kraftvollen Zeugen von der Siegesmacht des Reiches Gottes.

Johann Christoph Blumhardt war zunächst „der gehorsame Sohn der kirchlichen Lehre, welche aus der Bibel den Glauben an eine ewige Verdammnis entnehmen zu müssen glaubt“, gewesen. Aber vom Kreuz Jesu aus ging ihm dann die Größe des göttlichen Erbarmens auf, und in einer Karfreitagspredigt des Jahres 1872 rief er die neue Erkenntnis mächtig aus: „Der Karfreitag verkündet einen Generalpardon über die ganze Welt, und dieser Generalpardon wird noch offenbar werden; denn nicht umsonst hing Jesus am Kreuz, und nicht umsonst dürfen alle Kreaturen, auch im Unsichtbaren, ihren Hohn an Ihm ausüben, nein, nicht umsonst; auf einen Generalpardon geht es zu, und er wird noch kommen, Gott gebe, in Bälde; wer dieses Größte nicht zu denken vermag, weiß nichts von einem Karfreitag.“ Und in einem seiner Lieder heißt es dann: „Dein Kreuz, dran Du gehangen, / stürzt siegreich Satans Macht, / bis Alle vor Dir prangen / im Licht aus grauser Nacht.“

Was Johann Christoph Blumhardt in heißem Ringen erkämpft hatte, das war im Sohne Christoph von Anfang an klare und feste Gewißheit. Über die Bibelstellen, die von der Ewigkeit der Hölle reden, sagt er: „Wir dürfen uns auch durch Bibelstellen, die nicht ganz durchschlagen, nicht beeinträchtigen lassen; wo die Gottesworte in der Heiligen Schrift ganz durchdringen, da umfassen sie Alles, Himmel und Erde, in ihrer Hoffnung“, und: „Wir müssen das Gold aus dem Schacht der Bibel herausgraben und beim Hinuntersteigen an allem Gestein vorbeikommen, an Höllen und der Ewigkeit der Höllenqualen vorbei hinuntersteigen zu dem echten Gold der Liebe Gottes, der Erlösung, der Zukunft Jesu Christi.“ Und von da aus kann er dann ausrufen: „Eine Hölle statuieren, wo Gott in alle Ewigkeit nichts mehr zu sagen hat, das heißt das ganze Evangelium auflösen; wir müssen uns wehren bis auf den letzten Atemzug, bis auf den letzten Blutstropfen, daß der ganze Himmel, die ganze Erde, die ganze Totenwelt in die Hand Jesu kommt; muß ich für einen Menschen, für ein Gebiet die Hoffnung aufgeben, so bleibt eine Last des Todes, eine Last des Wehes, eine Last der Nacht und der Finsternis; dann ist eben Jesus nicht das Licht der Welt.“

16.
Wie im Gebiet des deutschsprachigen Protestantismus, so erhoben sich auch in den andern Bereichen der protestantischen Welt Stimmen, die die Wiederbringung aller Dinge verkündeten.

Aus dem bis 1871 zu Frankreich gehörenden Steintal Oberlins erklang diejenige des christlichsozialen Industriellen Gustav Steinheil. Er vertrat einen strengen Biblizismus und suchte z. B. dem Einfluß von Ernst Renans „Leben Jesu“ in Frankreich dadurch entgegenzuwirken, daß er 1864 die „Vorlesungen über das Leben des Herrn Jesu“ des Basler Theologen Christoph Johannes Riggenbach in französischer Übersetzung herausgab. Von seinem biblizistischen Standpunkt aus gelangte er auch zur Ableh­nung der Ewigkeit der Höllenstrafen und kämpfte in zahlreichen Veröffentlichungen für seine Überzeugung. In einer Biographie heißt es von ihm: er habe die tiefen, ernsten Ansprüche des Christentums gekannt und nie versucht, die Forderungen des christlichen Lebens herabzuschrauben; aber trotzdem habe er einen heitern, fröhlichen Glauben gehabt; „und zwar weil er jenseits aller Schatten, aller Widerstände, aller Niederlagen in einer für seine Augen weit entfernten, für seinen Glauben aber gewissen Zukunft den endgültigen und vollständigen Sieg Gottes, die Bekehrung und das Heil aller Menschen erblickte.“

In der reformierten Kirche der Niederlande spielte in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die von dem Groninger Theologen Petrus Hofstede de Groot geführte sogenannte „Groninger Schule“ eine nicht unbedeutende Rolle. Sie lehnte die calvinische Orthodoxie ab und vertrat eine an Erasmus angelehnte humanistische Theologie. Ähnlich wie Schleiermacher verstand sie unter der Prädestination die „Alle umfassende und Alle beseligende Liebe Gottes“, die sich in einer „Geschichte der Erziehung der Menschheit durch Gott“ von ihren Anfängen über Jesus Christus bis zur Apokatastasis pantoon auswirkt.

Weiterhin hatte die anglikanische Kirche ihre Künder der Wiederbringung aller Dinge.

Zu ihnen gehört Frederik Denison Maurice, Professor für Geschichte, Literatur und Theologie am King’s College in London, das geistige Haupt der „Christian Socialists“, Gründer des „Queen’s College for Women“ und des „Working Men’s College“. 1853 veröffentlichte er „Theological Essays“. Er vertrat darin den Standpunkt, wie er in der Widmung des Bandes an den Dichter Alfred Tennyson sagt, „daß eine Theologie, welche nicht den tiefsten Gedanken und Gefühlen des menschlichen Wesens entspricht, keine wahre Theologie sein kann“. In dem Essay über den „Tag des Gerichtes“ stellt er die Frage, ob der Tag des Gerichtes nicht ein Tag sei, der bereits über der Welt angebrochen sei, in dem wir nach der Aussage unsrer Gewissen bereits wohnen könnten, der nach dem Zeugnis sowohl der Schrift als der Vernunft immer klarer und voller wachsen müsse, bis daß Er, der die Sonne der Gerechtigkeit sei, überall scheinen und es keinen Winkel im ganzen All mehr geben werde, in den nicht Seine Strahlen eingedrungen seien. Nach Erscheinen des Bandes wurde Maurice wegen „gefährlicher Lehren über die ewige Verdammnis“ seiner Londoner Professur entsetzt, erhielt dann allerdings 1866 eine Professur für Moralphilosophie in Cambridge.

Entscheidende Anregungen von Maurice, vor allem auch zu einem unermüdlichen Wirken auf dem sozialen und volkserzieherischen Gebiet, hat Frederick William Farrar empfangen. Fast dreißig Jahre stand er im Schuldienst, und während dieser Zeit veröffentlichte er 1874 ein „Life of Christ“, ein Werk, das binnen zweier Jahre sechsundzwanzig Auflagen erlebte und in viele andere Sprachen übersetzt wurde; eine deutsche Bearbeitung z. B. stammt aus der Feder des Berner Theologen Fritz Barth. Bald darauf wurde Farrar Canon of Westminster und gab 1877 unter dem Titel: „Eternal Hope“ fünf in Westminster Abbey gehaltene Predigten über das Endschicksal der Menschen heraus. Darin trat er zwar nicht schlechthin für eine Allbeseligung ein, sondern ließ die Möglichkeit offen, daß es endgültig Unbußfertige gebe und demnach auch eine ewige Strafe; doch legte er vor allem dar, daß es nach dem Tode einen Zwischenzustand der Läuterung gebe, in dem die Gnade Gottes noch Viele erreichen und selig machen werde. Das Buch erregte großen Widerspruch, andrerseits verschaffte es den Predigten Farrars einen gewaltigen Zustrom begeisterter Hörer. 1883 wurde er Archdeacon of Westminster und 1895 Dean of Canterbury.

Im nordamerikanischen Protestantismus wird die Botschaft von der universalen Erlösung in der bereits am Ende des achtzehnten Jahrhunderts gegründeten „Universalist Church“ weitertradiert.

Daneben nahm eine andere Gemeinschaft den Glauben an die Allbeseligung unter ihre Grundlehren auf, die in wesentlicher Hinsicht allerdings fragwürdige „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“.

Eine lebendige Zeugin der Wiederbringung aller Dinge war auch die Quäkerin Hannah Whitall Smith, die Gattin des berühmten Erweckungspredigers Robert Pearsall Smith. Nachdem sie 1858 eine Bekehrung erlebt hatte, hing sie zunächst dem Glauben an die doppelte Prädestination an. Aber eines Tages sah sie sich, wie sie in ihrer Schrift: „Die Selbstlosigkeit Gottes und wie ich sie entdeckte“ – die deutsche Übersetzung ist vom Basler Theologen Conrad von Orelli bevorwortet –, berichtet, in der Straßenbahn zu Philadelphia zwei Männern gegenüber, in deren Gesichtern sich ihr „mit überwältigender Deutlichkeit die Tiefe des Elends offenbarte, das die Sünde über die Menschen gebracht hat“. Da schrie sie innerlich: „O Gott, wie kannst Du es ertragen?; Du hättest diesen Jammer verhindern können und hast es nicht getan.“ Als sie so mit Gott haderte, wurde ihr das Wort des Apostels geschenkt: Gleichwie sie in Adam alle sterben, also werden sie in Christo alle lebendig gemacht werden.“ Sie eilte nach Hause und stürzte sich in die Durchforschung der Heiligen Schrift; „alsbald sah ich das ganze Buch in neuer Beleuchtung; … begierig schlug ich Seite um Seite auf und mußte fast vor Freude lachen ob dem hellen Lichtglanz, der mir daraus entgegenleuchtete; die Bibel wurde mir ein neues Buch.“ Von da an trat sie offen als Predigerin der Wiederbringung auf.

Diese lehrte auch Walter Rauschenbusch, Professor der Kirchengeschichte am Baptist Theological Seminary in Rochester, der Führer der Bewegung des „Social Gospel“. 1918 veröffentlichte er eine „Theology for the Social Gospel“ – das Werk ist auch in einer von Clara Ragaz gefertigten und von ihrem Gatten Leonhard Ragaz eingeleiteten deutschen Übersetzung erschienen – und handelte darin auch über die Eschatologie. In diesen Ausführungen wird die Annahme, daß das Geschick der Verstorbenen sich sofort nach dem Tode entscheide, als „das unerfreulichste Element in der orthodoxen Auffassung vom ewigen Leben“ bezeichnet; auch gebe es keine endgültige Verstockung im Bösen; oder wer hätte je einen Menschen getroffen, der nicht irgendwo eine weiche Stelle gehabt hätte, wo er zarteren Gefühlen zugänglich gewesen wäre? „Wenn Gott die Türe der Hölle nicht von außen geschlossen hat, sondern wenn die Menschen darin bleiben sollten, weil sie die Dunkelheit vorziehen, dann müßte ein Einbruch von Christen in die Hölle erfolgen; alle wahrhaft christlichen Seelen im Himmel müßten hinuntersteigen und das Leben der Bösen teilen, in der hohen Hoffnung, daß trotz allem ein Fünklein himmlischen Feuers noch motte und zum Leben angefacht werden könne; und sie würden geführt werden von Ihm, der es nicht ertragen konnte, an die neunundneunzig geretteten Schafe zu denken, während eines in den Dornen hing.“ Zusammenfassend sagt Rauschenbusch: „Die christliche Lehre müßte die gerechten Folgen der Sünde für Alle und das Wirken der erlösenden Barmherzigkeit an Allen in Übereinstimmung bringen.“

17.
Noch wären viele Zeugen der Apokatastasis aus der neueren und neuesten Zeit zu nennen, solche, die bereits dahingegangen sind, und solche, die noch in voller irdischer Wirksamkeit stehen. Aber es ist Zeit, daß wir die historische Schau beenden und zum Schlusse noch kurz eine systematische Beurteilung des Problems versuchen.

Da muß zunächst mit allem Nachdruck ausgesprochen werden, daß, solange das Vollkommene nicht hereingebrochen ist, auch alle unsere theologischen Aussagen unvollkommen sind. Gewiß ist es die Aufgabe jedes Theologen und jedes Christen überhaupt, mit heißem Bemühen nach klarer Erkenntnis in allen Fragen, die Gott und Sein Wirken in Schöpfung und Erlösung betreffen, zu ringen. Aber sie müssen sich dabei immer bewußt bleiben, daß wir, nach einem Wort des Apostels Paulus, einstweilen nur wie „mittels eines Spiegels in rätselhafter Gestalt sehen“, und daß „unser Erkennen Stückwerk ist“. Das gilt selbst ebenso von einem Athanasius, Augustin und Thomas von Aquin wie von einem Luther, Zwingli und Calvin. Und in diesem Bewußtsein sei auch das Folgende dargelegt:

Das Zeugnis des Neuen Testamentes über den Ausgang der Weltgeschichte ist nicht ohne weiteres einheitlich. Zwar ist es gewiß richtig, daß das griechische Wort „aioonios“, das gewöhnlich mit „ewig“ übersetzt wird, nicht unbedingt eine Ewigkeit im absoluten Sinn meint, sondern zunächst nur bedeutet: dem künftigen Äon zugehörig. Aber trotzdem kann wohl nicht bestritten werden, daß an manchen Stellen des Neuen Testamentes von schlechthin ewigen Höllenstrafen die Rede ist, ferner daß an den Stellen, die von einem zweiten Tod sprechen, zum mindesten die Vernichtung der Gottlosen, wenn nicht ebenfalls die Endlosigkeit der Bestrafung gemeint ist, und daß somit alle diese Stellen mit denjenigen, die von einer universalen Erlösung sprechen, zunächst nicht im Einklang stehen. Unter diesen Umständen muß nach dem berühmten Kriterium Luthers, die Bücher des Neuen Testamentes danach zu beurteilen, „ob sie Christum treiben oder nicht“, verfahren und auf diejenige Linie der apostolischen Verkündigung der Hauptakzent gelegt werden, welche dem ganzen Werk Christi entsprechender zu sein scheint.

Wenn aber die Frage so gestellt wird, in welcher Richtung das in der apostolischen Verkündigung bezeugte Werk Christi weise, dann kann kaum zweifelhaft sein, daß Gott Christus gesandt hat, daß Er „die Sünde der Welt hinwegnehme“, daß Er „der Heiland der Welt“ sei, daß Alle, die in Adam verlorengegangen sind, durch Ihn wiedergebracht, daß durch Ihn Alle und Alles in die Königsherrschaft Gottes zurückgeführt werden.

Von diesem in Christus geoffenbarten Willen Gottes her aber scheiden verschiedene Möglichkeiten aus: es scheidet aus die Möglichkeit, daß es in Gott eine doppelte Prädestination gebe, die die einen zum Heil, die andern zur Verdammnis vorausbestimmt; es scheidet aber auch die andere Möglichkeit aus, daß Gott mit Seinem Wollen nicht zum Ziele komme und einen Teil Seiner Geschöpfe entweder in der Vernichtung umkommen oder in einer ewigen Gottesferne mit ihrer Qual dahindüstern lassen müsse. Vielmehr kann von Christus aus nur ein voller Sieg Gottes über alle widergöttlichen Mächte im ganzen Bereich der Schöpfung ins Auge gefaßt werden.

Dadurch verlieren aber alle die Stellen, die von dem Ernst des Gerichtes reden, keineswegs ihre Bedeutung; nur müssen sie in diese Hauptlinie der Verkündigung und der Verheißung eingebaut werden. Gottes Liebe ist keine schwächliche Liebe des Gewährenlassens, sondern sie ist eine heilige Liebe des Zurechtbringens und der Wiederherstellung. Das heißt aber, daß der Erlösungswille Gottes nur in Erfüllung gehen kann, wenn alle Geschöpfe sich innerlich Seiner Königsherrschaft erschließen und sich in ihre heiligen Ordnungen hineinstellen lassen. Diese freudige Unterordnung unter die Königsherrschaft Gottes und dieses Sichhineinstellen in ihre heiligen Ordnungen werden aber kaum bei einem Menschen im Laufe dieses Erdenlebens abgeschlossen sein, und so wird sich das Erlösungswirken Christi an den Menschen nach ihrem Ausscheiden aus dem irdischen Leben in einem jenseitigen Leben fortsetzen müssen, bei den einen als eine Läuterung, bei den andern zunächst als ein in Gottesferne und Schuldigsein sich auswirkendes Strafgericht, bis daß sie durch die Predigt Christi unter den „Geistern im Gefängnis“ auch auf den Weg der Läuterung geführt werden.

Verhält sich aber die Sache so, dann kann nicht davon die Rede sein, daß die Geschöpfe durch Gott vergewaltigt werden; vielmehr werden sie durch die Liebesmacht Gottes in Jesus Christus in einem vielleicht durch Äonen sich hinziehenden Ringen innerlich gewonnen und mit ihrer freien und freudigen Zustimmung gleichsam aus dem Gericht der Gottesferne herausgeliebt und in die Heiligkeit und Herrlichkeit des Reiches Gottes hineingeliebt werden.

In diesen ernsten und heiligen Zusammenhängen steht die Wiederbringung aller Dinge, und in diesen Zusammenhängen darf auch von ihr geredet werden. Dann wird der Ausblick auf die Allversöhnung und Allerlösung keinen Schaden anrichten. Vielmehr wird die Verkündigung des Evangeliums, wenn sie von der Gewißheit des Sieges Gottes in allen Bereichen der Kreatur durchzogen ist, gerade auch in der heutigen Menschheit mit ihren gewaltigen Umbrüchen, mit ihren ungeheuren Problemen und mit ihren furchtbaren Ängsten besonders segensreich wirken dürfen.

 

Quelle: Basler Universitätsreden, Heft 45, Verlag Helbig & Lichtenhahn, Basel, 1960.
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