Dieser Text bereitet vielen Christen große Schwierigkeiten. Da ein Teil der Handlung im „Hades“ (Totenreich) stattfindet, wird daraus von einigen Auslegern abgeleitet, was nach dem Tod auf uns Menschen wartet. Da außerdem Hades teilweise mit „Hölle“ übersetzt wird und von Schmerzen darin die Rede ist, wird diese Stelle herangezogen, um zu belegen, dass ein Teil der Menschheit im Hades Schmerzen erleidet bzw. erleiden wird, was aber vielen anderen Stellen der Schrift widersprechen würde. Daher wird der Wahrheitsgehalt dieser Interpretation im Folgenden in einer systematischen Textanalyse hinterfragt.

Was ist ein Gleichnis?

Die Literaturwissenschaften haben mit der Rhetorik Methoden entwickelt, um Textanalysen systematisch durchführen zu können, hier sei das grundlegende Werk von Heinrich Lausberg genannt (siehe [22] – darauf beziehen sich auch die folgenden §-Angaben).

Das biblische Gleichnis (auch Parabel genannt) ist demnach im Wesentlichen ein Vergleich (similitudo, §402) oder eine Allegorie (§423). In beiden Fällen wird der eigentliche, gemeinte Gedanke (zunächst) nicht direkt geäußert.

Ein Vergleich liegt dann vor, wenn der eigentliche Gedanke nicht nur signalmäßig angedeutet, sondern zusätzlich ganz geäußert wird, wie in Mat. 13,24-30. Ein Spezialfall ist die allegorische Definition (§379,2), in dem die verwendeten Symbole definiert werden, wie in Joh. 15,1-2. Die Grenzen sind fließend.

Die Allegorie ist eine fortgesetzte Metapher (§228) und ersetzt einen Gedanken durch einen anderen Gedanken, der dem gemeinten Gedanken ähnlich ist (§400). Ein Beispiel für eine Allegorie ist Mat. 13,3-9.
Zu unterscheiden sind zwei Ganzheitsgrade der Allegorie: Zum Einen die in sich geschlossene Allegorie, die kein Element des gemeinten Gedanken enthält (tota allegoria). Sie wird auch Rätsel genannt, wenn der gemeinte Gedanke schwer zu erkennen ist, d.h. nur bei detaillierter Kenntnis der Situation der Redenden. Die Allegorie kann aber auch mit entschlüsselnden Signalen des gemeinten Gedankens durchmischt sein, dann permixta apertis allegoria (§180) genannt.
Zur Verdeutlichung des eigentlichen Gedankens kann eine Allegorie auch aus verschiedenen Bildfeldern zusammengesetzt sein, in diesem Fall liegt eine mala affectatio (§95,2) vor. Verwandt mit der Allegorie ist übrigens die biblische Typologie, die historische Realitäten in eine typologische Korrespondenz bringt: so ist der historische König David ein typus des antitypus Christus (§404).

Die recht anspruchsvolle Aufgabe bei der Entschlüsselung eines Gleichnisses ist also, sich möglichst detailliert mit der sozialen und seelischen Situation des Redners und der Zuhörer zu beschäftigen. Dann erst werden sich Hinweise finden lassen, die es ermöglichen, den eigentlichen Gedanken zu verstehen.

Wozu hat Jesus Gleichnisse verwendet?

Gleichnisse verhüllen also den eigentlichen Gedanken. Ohne eine fachgerechte Entschlüsselung kann ein Gleichnis völlig in die Irre führen. Hat Jesus Gleichnisse ebenso verwendet? Jesus bestätigt dies in der Antwort auf die Frage der Jünger, warum er in Gleichnissen spricht: „Deshalb spreche ich in Gleichnissen zu ihnen, damit sie sehend nicht sehen und hörend nicht hören noch verstehen … denn das Herz dieses Volkes ist verdickt, mit ihren Ohren hören sie schwer und ihre Augen schließen sie“ (Mt. 13,10-15).

Jesus benutzte also Gleichnisse nicht, um etwas zu vereinfachen oder gar kindgerecht aufzubereiten (wie es leider oft heutzutage dargestellt wird), sondern im Gegenteil Er wollte durch bewußte Verfremdung und Verschlüsselung sicherstellen, dass Ihn nicht alle verstehen! „Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Königreichs der Himmel zu erkennen, jenen aber ist es nicht gegeben“ (Mt.13,11). Und das war kein Einzelfall: „Dies alles redete Jesus in Gleichnissen zu den Scharen, und ohne Gleichnisse redete Er nicht zu ihnen“ (Mt.13, 34). Sogar die Jünger selbst verstanden ihn oftmals nicht. Er musste ihnen die Gleichnisse erklären (Mt.13,18; Mt.13,36; Mt.15,15). Das ist auch nicht verwunderlich, denn die eigentlich gemeinten Gedanken werden nicht direkt ausgedrückt, sondern durch einen anderen, der nur „ähnlich“ ist (s.o.) ersetzt. Die Verknüpfungspunkte zwischen diesen beiden Gedanken sind Symbole. Da es der Zuhörerschaft aber zumindest theoretisch möglich sein muss, die Symbole zu erkennen, können deren Bedeutungen nur in dem gemeinsamen Wissen von Zuhörer und Sprecher zu finden sein, also in der Vergangenheit bezogen auf die Redesituation. Jesus antwortet mit diesem Gleichnis auf eine Frage der Pharisäer, also muss in dem Wissen der Pharisäer die Bedeutung der verwendeten Symbole gesucht werden. Pharisäer waren Schriftgelehrte, ihr Spezialgebiet war das Alte Testament, insbesondere die fünf Bücher Mose. Wichtig ist auch, dass die Begriffe als Symbole aufgefasst und entschlüsselt werden, weil ansonsten ein schiefes Bild entsteht. Aus diesem Grund haben Begriffe in einem Gleichnis einen anderen Inhalt als bei buchstäblicher Betrachtung, sie symbolisieren etwas (z.B. wie hier: Hades, Abraham, Schaf, Reicher Mann). Oft wird das Symbol an anderer Stelle in der Bibel entschlüsselt. Ein Gleichnis darf also nicht frei und willkürlich auf unseren Alltag bezogen werden.

Diese Grundsätze gelten generell bei der Entschlüsselung von Gleichnissen, wie auch bei den Gleichnissen vom Königreich der Himmel in Matthäus 13 (siehe dort).

Handelt es sich wirklich um ein Gleichnis?

Um das zu klären, genügt es zu betrachten, was über die beiden Hauptdarsteller gesagt wird und welche Schlussfolgerungen daraus bei buchstäblicher Auslegung zu ziehen wären:

Der reiche Mann... Lazarus...
... zeigt seinen Reichtum, er trug Purpur und Baptist (19).... war arm, hatte Eiterbeulen (20).
... war fröhlich (19).... bettelt.
... hatte ein schönes Haus (20).
... gab Lazarus Nahrung (21).... war hungrig (20).
... starb und wurde begraben (22).... starb und wurde von Boten in Abrahams Schoß gebracht (22).
... war im Hades in Qualen (23).
... hob seine Augen auf und sah Abraham von Ferne (23).
... wünscht Wasser (24)....lebt weiter in seinem Körper (Finger) (24).
... hat während seines Lebens Gutes empfangen (25).... hat das Üble empfangen (25).
... erleidet Schmerzen (25).... wird zugesprochen (25).
... kann die große Kluft nicht überwinden (26).
... denkt an seine Familie auch in seinen Schmerzen (5 Brüder), (28).
... argumentiert für seine Familie (30).

Von Vertretern der Höllenlehre wird nun herausgegriffen, dass (nur) an dieser Stelle im Hades Schmerzen zu ertragen sind, womit sie eine „Hölle“ beschrieben sehen wollen. Dies wird unterstützt durch die deutliche Fehlübersetzung des griechischen Hades mit „Hölle“ in der Minderheit der Bibelübersetzungen (z.B. Luther-NT 75), sonst wird Hades meist richtig mit Totenreich übersetzt. Wenn man aber einen Punkt buchstäblich auslegt, muss das für alle anderen auch gelten. Dann stellt sich die Frage: Was unterscheidet die beiden? Womit hat Lazarus die bessere Behandlung verdient? Kann man aus diesem Text also allgemeingültige Handlungsanweisungen ableiten?

  1. Muss der Reiche Schmerzen erleiden, weil er reich war? Ist Reichtum etwas Schlechtes? Kommt man in eine „Hölle“ wenn man in seinem Leben Gutes tut, an seine Familie denkt und fröhlich ist? Ist also die Schlussfolgerung, dass alle hungrigen und bettelnden Armen den „Schoß Abrahams“ füllen? Verallgemeinerungen und eine buchstäbliche Auslegung sind also unmöglich.
  2. Der reiche Mann ist gestorben, begraben und hat dann seine Augen geöffnet. Wie kann das sein? Ist der Körper nicht mehr im Grab? Wir wissen, dass der Körper auch Tage nach der Beerdigung immer noch dort ist und verrottet. Die Augen können nicht mehr bewegt werden. Hier kann es also nicht buchstäblich um einen Menschenkörper gehen.
  3. Aber auch die Seele hat im Hades kein Bewusstsein „die Toten aber, sie erkennen nichts“ (Prediger 9,5). Es ist ein Zustand, der mit dem Schlafen verglichen wird (z.B. 2.Sam.7,12; 1.Könige 2,10; Ap. 13,36). Alle Menschen kommen nach ihrem Tod zudem in den Hades (Apg. 2,27), Gläubige wie Ungläubige (mehr zum Thema). Von Qualen nach dem buchstäblichen Tod für Menschen ist in der Bibel aber nirgendwo die Rede. Hätte Jesus hier etwas Unbiblisches vertreten, wäre ihm zu Recht widersprochen worden. Die Pharisäer suchten ja geradezu nach Fehlern. Eine buchstäbliche Auslegung ist also auch hier unmöglich.
  4. Die angebliche Hölle ist in der Sichtweite von Lazarus. Wer wollte den Himmel, in dem Lazarus nach einigen Interpretationen ist, als einen Ort beschreiben wollen, von dem man die gequälten ehemaligen Zeitgenossen in einer „Hölle“ schreien hört? Dieser Schluß müsste nach wörtlicher Auslegung doch gezogen werden.
  5. Nach buchstäblicher Auslegung brennt der Körper des reichen Mannes, aber er wünscht sich nur einen „Tropfen“ Wasser von der „Spitze“ eines Fingers, um seine Zunge zu kühlen. Die Haut und die Augen würden im Feuer mehr Schmerzen als ausgerechnet die Zunge erleiden. Außerdem bringt ein Tropfen Wasser auf die Zunge keinerlei Schmerzlinderung. Merkwürdig wäre auch, dass ein brennender Mensch sprechen kann.
  6. Und noch Mal: Warum leidet der reiche Mann überhaupt? Es wird nichts Negatives über ihn gesagt. Niemand hat ihn gerichtet. Dieser reiche Mann soll also in einer „Hölle“ Schmerzen erleiden ohne Gericht? Warum wird Lazarus verschont? Es wird nichts Positives über ihn gesagt. Lazarus wäre, ohne Jesus in sein Leben aufzunehmen, dieser Hölle entkommen. Ist eine derartige Auslegung plausibel?
  7. Wenn dieser Text buchstäblich auszulegen wäre, wäre Abraham auch auf der falschen Seite. Abraham war sehr reich, er liebte seine Familie, er tat auch gute Dinge und war gut gekleidet. Wenn eine konsequente buchstäbliche Auslegung unzulässig ist, sollte man nicht einfach einen kleinen Teil herausgreifen, ihn buchstäblich auslegen und daraus Theorien entwickeln, die allen anderen Aussagen der Bibel über den Tod widersprechen. Es sollte also klar geworden sein, dass man diesen Text tatsächlich als Gleichnis behandeln muss und nicht als Tatsachenbericht auslegen darf – auch nicht einen Teil, der zu bestimmten Vorstellungen passen würde.

Randbedingungen – Die Situation

Die erste Frage, die bei einer sachgerechten Analyse zu stellen ist, betrifft also die Redesituation. In welcher Lage befangen sich die Akteure?
Jesus wurde von Seinem Vater zum dem herausgerufenen Volk Israel gesendet, um das verheißene Königreich aufzurichten (Mat.10,6). In diesem Gleichnis sprach Jesus zu einigen typischen Vertretern des Landes: Pharisäer, Sünder und Zöllner (Lukas 15,2). In welcher Situation befanden sich diese Menschen? Um das beurteilen zu können, ist ein kurzer Blick in die Geschichte Israels hilfreich:
Rund 900 Jahre vor dem Erscheinen Jesu war das Königreich unter David und Salomo eine wohlhabende Theokratie. Bald aber teilte sich ihr Königreich in das nördliche Israel und das kleinere Juda, womit der Niedergang eingeleitet wurde. 722 v. Chr. wurde Israel von Assyrien besetzt – viele starben, andere wurden vertrieben (2.Könige 17). Wenig später sah sich Juda dem gleichen Schicksal ausgesetzt: Um 587 v.Chr. wurde Jerusalem zerstört, alle führenden Bürger wurden nach Babylon verschleppt (2. Könige 24,14). Die Diaspora hatte begonnen. Später wird Palästina römische Provinz mit Herodes als Verwaltungschef. In dieser Zeit spricht Jesus.

In diesen Wirren versuchte nur noch ein Teil des Volkes konsequent nach den Regeln und Gesetzen Gottes zu leben. Besondere Eiferer waren die Pharisäer. Diese versuchten nicht nur alle Gebote der Thora zu halten, sondern legten auch noch fest, wie diese zu interpretieren und auf den Alltag zu beziehen seien. So entstanden ausführliche Regelwerke wie der Talmund, die selbst zu Kleinigkeiten des täglichen Lebens Vorschriften vorsahen. Im Laufe der Zeit erhielten diese Auslegungen und Bestimmungen den Rang der ursprünglichen biblischen Gesetze und bald sogar einen höheren (entsprechend der heutigen Dogmen). Interpretationen und Ausschmückungen blieben bald ihnen allein vorbehalten. Juden, die dem nicht folgten, wurden bald gesellschaftlich geächtet.
Diese Pharisäer trafen nun zusammen mit Sündern und Zöllnern (dem anderen Teil der Bevölkerung) auf Jesus und beschwerten sich lautstark über den Umgang, der Jesus nachgesagt wurde: „Dieser nimmt Sünder an und isst mit ihnen“ (Lukas 15,2). Diese Bemerkung ist für die Erklärung des gesamten Gleichnisses von entscheidender Bedeutung. Denn Jesus antwortet nicht direkt, sondern (V. 3): „Da erzählte Er ihnen dieses Gleichnis“. Die Auslegung des Gleichnisses muss also eine Antwort auf die Beschwerde der Pharisäer geben.

Die Struktur des Gleichnisses

Die Struktur ist in einigen Bibeln mit Überschriften verdeutlicht. Die Lutherbibel 1975 strukturiert wie viele andere mit diesen Überschriften:

  1. Das Gleichnis vom verlorenen Schaf (15:3-7)
  2. Das Gleichnis vom verlorenen Groschen (15:8-10)
  3. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (15:11-32)
  4. Das Gleichnis vom unehrlichen Verwalter (16:1-18)
  5. Das Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus (16:19-31)

Das ist hilfreich, aber dennoch nicht ganz richtig, denn dass dieses Gleichnis (Einzahl) folgt, ist nur in Kapitel 15, Vers 3 bemerkt, danach nicht mehr. Die formale Teilung der Teile durch den Beginn eines neuen Kapitels ist ebenfalls etwas irreführend und willkürlich (sie wurde erst vor 700 Jahren von einem englischen Erzbischof vorgenommen). Es könnte sich also um ein Gleichnis handeln, das aus fünf verschiedenen Teilen, also Bildfeldern besteht. Diese Betrachtung würde sich bestätigen, wenn die Teile sich ergänzend zu einer Gesamtaussage führen. Daher werden alle Teile hier betrachtet.

Die Erklärung des Gleichnisses in Lukas 15 und 16

Nun nochmals die Ausgangssituation: Zöllner und Sünder kamen also zu Jesus und wollten Ihm zuhören. „Dieser nimmt Sünder an und isst mit ihnen.“, das war die Beschwerde der Pharisäer, worauf dieses Gleichnis folgte. Wir haben also die Pharisäer auf der einen Seite und Zöllner und Sünder auf der anderen. Beide Gruppen werden deshalb auch in dem fünfteiligen Gleichnis symbolisiert, wie noch gezeigt wird.

1. Bildfeld: Nur der Verlorene wird geborgen (Lukas 15,3-7)

Das Symbol des verlorenen Schafes steht für Israel. In Mat. 10,6 weist Jesus die Jünger an, nur zu den „verlorenen Schafen“ des Hauses Israel zu gehen. In Jesaja 53,6 heißt es in Anspielung auf die Kreuzigung Jesu (das Lamm, V.7) in V. 6 „und wie Schafe vergingen wir uns“. „Ich bin der edle Hirte. Der edle Hirte gibt seine Seele für die Schafe“ (Joh. 10,11): Jesus ist also der Hirte und das Bundesvolk die Herde. Es liegt ein Vergleich (similitudo) vor, denn es folgt eine Erklärung: Das eine verirrte Schaf, das verloren gegangen ist (oder „weggelöst wurde“, nach der DaBhaR-Übersetzung) und umsinnt, ist dem Schäfer lieber und damit der Errettung näher, als die anderen 99 „gerechten“ Schafe, die „der Umsinnung nicht bedürfen“. Was ist damit gemeint?

Kann es Juden geben, die nicht umsinnen müssen? „Natürlich! Wir sind gerecht, denn wir halten das Gesetz – Umsinnung haben wir nicht nötig“, wäre wohl die Antwort der Pharisäer gewesen. Jesus führt den Pharisäern hier vor Augen, dass Selbstgerechtigkeit vor Gott nicht zählt, denn Freude löst vor Gott nur das umsinnende Schaf aus. Vor Gott zählt, wenn man, wie die Gruppe der Sünder (als Zuhörer) bußfertig zu Jesus kommen kann. Nur durch geschenkte Umsinnung (vom Gesetz und altem Lebensstil zu lebendigem Glauben) kommen Juden ins 1000-jährige Königreich.

2. Bildfeld: Das gläubige Israel lässt das Wort leuchten (Lukas 15,8-10)

Wieder liegt ein Vergleich vor (Similitudo; V. 10). Gewissenhaft (wörtlich „fürsorglich“) sucht die Frau, bis sie den letzten der 10 Drachmen gefunden hat.

Die Drachme, die wieder gefunden wird, ist das Israel der Auswahl (Joh. 6,65; Rö. 2,28f; Rö9,6-11; Rö11,5-8). Diese Botschaft richtet sich besonders an die Sünder und Zöllner unter den Zuhörern: Es wird eine Sammlung aller gläubigen, umsinnenden Juden aus allen Teilen der Welt stattfinden (vgl. 5. Mose 30,3).

3. Bildfeld: Der Selbstgerechte missgönnt dem reuigen Sünder das Heil (Lukas 15,11-32)

In diesem oft völlig missverstandenen Teil bekannt als „Gleichnis vom verlorenen Sohn“, kann die Symbolik der vorangegangen Teile leicht weitergeführt werden. Mit dem reuigen Sohn, der zurückkommt und bereit ist, die niedrigste Arbeit für seinen Vater zu verrichten, werden die zuhörenden Sünder und Zöllner angesprochen und symbolisiert. Der unerwartete euphorische Empfang durch den Vater wird diesem Sohn missgönnt von seinem Bruder, der jahrelang alle Gebote seines Vaters (V. 29) gehalten hat. Mit dem Bruder sind wieder die Pharisäer (gesetzestreue Juden) symbolisiert. Jesus schließt mit einer Aufforderung: „Wir sollten nun fröhlich sein und uns freuen; denn dieser Bruder war tot (wörtlich „weggelöst“) und lebt wieder auf, er war verloren und ist gefunden worden“. Übrigens ist den meisten Auslegern hier noch klar, dass der verlorene Sohn nicht tatsächlich tot war, sondern ein geistliches Verlorensein gemeint ist.

Damit sind die umsinnenden Juden gemeint. Israel hat sich an andere Völker orientiert (V. 13) und niedrigste Arbeit erledigt (symbolisiert mit dem Hirten der Schweine, die den Juden als unreine Tiere gelten, V.15). Der Dünkel der religiösen Elite ist ein Zeichen dafür, dass sie auf dem falschen Weg sind. Der umsinnende Teil des Volkes wird eigentliche Auswahl sein. Dies deckt sich auch mit dem Gleichnis aus Lukas 18,9-14, in dem der Pharisäer hochmütig gebetet hatte: “ Ich danke dir, dass ich nicht so wie die übrigen Menschen bin, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie diese Zöllner“, während der Zöllner reuevoll betet: „Gott sei mir Sünder gnädig“.

4.Bildfeld: Veruntreuung von anvertrautem Gut (Lukas 16,1-18)

Lukas 16 beginnt mit den Worten: „Zu den Jüngern sagte Er dann noch:“ Damit wird ausgedrückt, dass der Herr Jesus beim Übergang zum vierten Bildfeld Seines großen Gleichnisses nicht mehr nur die um Ihn versammelten Pharisäer und Sünder anblickt und anspricht, sondern auch die Jünger; denn es sind ihre Hände, in die die Verwaltung des Wortes Gottes übergeht. Die erste Person, die in diesem Teil vorkommt, ist ein reicher Mann. Wer ist damit gemeint? Klar ist, dass keine spezifische Person gemeint ist, denn es wird der unbestimmte Artikel verwendet.

Der reiche Mann ist das geistlich und materiell reiche Juda. Beginnend mit 1.Mose 15,14 kann das in der Bibel gefunden werden: „und ihm wurde Reichtum und Herrlichkeit, dass Vielsein war“ (2. Chronik 17,5; DaBhaR); „und er baute in Juda Wasserbollwerke und Städte der Versorgung“ (Vers 12). Hezekiah (König von Juda) war superreich. Er machte sich Schatzkammern für Silber und Gold und für kostbares Gestein … Alles das war ein Geschenk Gottes, eine Gnadengabe (2. Chronik 32,27-29). Aber nicht nur in materieller Hinsicht war Juda reich: „Was ist nun das Vorrecht des Juden, oder was der Nutzen der Beschneidung? Viel in jeder Weise. Denn zuerst wurden sie mit den Aussagen Gottes betraut.“ (Römer 3,1). „Denn welche große Nation gibt es, der Gott so nahe ist“ (5. Mose 4,7). Aus Juda kam außerdem Jesus, der Retter der Welt. Welche andere Nation ist so reich?

„Es war ein reicher Mann“, lässt die Pharisäer und Schriftgelehrten aufhorchen, denn sie wissen, dass es wieder um sie geht, sowohl hier (16,1) also auch später (16,9). Mit demselben Satz hatte der Herr schon früher (Lukas 12,16) ein anderes Gleichnis eingeleitet; dort war Habsucht der springende Punkt bei einem reichen Mann der sich sicher wähnte; hier geht es um die Veruntreuung von anvertrautem Gut. Dort ging es ganz allgemein um irdische Güter, hier jedoch um das Höchste, was Gott je ein Volk anvertraut hatte: Sein Wort. Schriftgelehrte hatten es jedoch durch unbiblische Zusätze verfälscht und so die Menschen mit unerträglichen Lasten beladen (Mt. 15,1-20; Mk. 7,1-23; Lukas 11,37-46). Wörtlich hatte der Herr zu ihnen gesagt: „Ungültig macht ihr Gottes Wort um eurer Überlieferungen willen … dergleichen tut ihr viel “ (Mt.15,6; Mk. 7,13). Im vierten Bild des großen Gleichnisses kleidet Er dies in die Worte: „Nimm hin deine Schriftstücke und schreibe achtzig!“ Wer so pflichtvergessen mit anvertrautem Gut umgeht, wird von seinem Herrn nur dann gelobt werden, wenn dieser ebenso gewissenlos ist. Wie der ungerechte Haushalter oder Verwalter der offizielle Vertreter seines reichen Herrn war, galten die Pharisäer und Schriftgelehrten als die Vertreter Israels, und das mit Recht; denn sie waren geradeso selbstsicher und selbstgerecht und dabei dem Herzen Gottes so fern wie das restliche Volk, das ebenfalls nicht umsinnte (keine Buße tat) und schließlich rief „Kreuzigt Ihn!“.

Vers 9 ist also als Frage zu verstehen: „Sage Ich euch etwa: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon?“ Was Er jedoch rät, ist das Gegenteil: „Wer im geringsten treu ist, der ist auch in vielem treu, und wer im Geringsten ungerecht ist, der ist auch in vielem ungerecht“. Darauf folgt Seine Frage: „Wer wird euch das wahrhafte Gut anvertrauen?“

Dieses Problem ist allerdings nicht neu. Schon im AT bei Maleachi (der ein Zeitgenosse Esras und Nehemias nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft war) finden wir die Warnung (Maleachi 2,1ff): „Ihr Priester, dieses Gebot gilt euch … ihr aber seid vom Weg abgewichen und habt durch eure Unterweisung viele zu Fall gebracht“. – Aber man überhörte diese Worte und die jüdische Intelligenz widmete sich z.B. den Studien von Platon und Aristoteles und glaubte ihnen mehr als Gott. So wird bis heute deren Vorstellung geglaubt, dass die Seele unsterblich sei, es eine bewusste Existenz im Totenreich gebe oder der Mensch einen freien Willen habe.

Einschub 1: Menschliche Überlieferung ist Gott ein Gräuel (Lukas 16,14-15)

Jesus spricht hier mit den Pharisäern Klartext (Lukas 16,15): „Ihr seid es, die sich vor den Augen der Menschen selbst rechtfertigen. Gott aber kennt eure Herzen, denn was vor den Menschen hoch dasteht, ist ein Gräuel vor den Augen Gottes“. Der Spott der Pharisäer (Vers 14) zeigt deutlich, dass Jesus sie schwer getroffen hat. Denn wer ein Gräuel ist, kann die Aufgaben eines königlichen Priestertums nicht durchführen (2. Mose 19,6).

Nun betont Jesus die göttliche Offenbarungslinie (16-17), die für Mythen und Märchen keinen Platz hat. Nur durch die Propheten und das Gesetz sprach Gott zu Israel bis zum Auftreten Johannes des Täufers; dieser wurde der Vorläufer für eine andere Form göttlicher Enthüllungen, da das Wort Fleisch wurde (Joh. 1,11). Doch findet die frohe Botschaft nicht ein Volk mit zerknirschten Herzen – vielmehr will man den Sohn Gottes mit Gewalt zum König machen (Joh. 6,15), weil man sich begierig nur nach den äußerlichen Segnungen des Königreiches ausstreckt. Es wird zwar kommen, aber nur in Übereinstimmung mit alldem was Gottes Wort schon darüber gesagt hat. Weder alle, die genetisch Israeliten sind, noch die Gesetzesdiener um das Pharisäertum wird dieses Israel sein, sondern allein Gottes Auswahl zählt.

Einschub 2: Scheidung (Lukas 16,16-17)

Verschiedentlich wird uns berichtet, wie die Pharisäer Jesus mit der Frage auf die Probe gestellt hatten, ob es einem Mann erlaubt sei, sich von seiner Frau zu trennen. Auf Jesu Gegenfrage: „Was gebietet euch Moses?“ war von ihnen auf den Scheidebrief hingewiesen worden, und des Herrn Antwort darauf war ähnlich formuliert wie Lukas 16,18. Wenn wir von geistlichen Dingen sprechen, so ist uns heute der Ausdruck „Braut“ völlig geläufig. Wir wissen, dass damit die Brautgemeinde gemeint ist, die zur Hochzeit des Lammes kommt (Offb. 19,7). Ebenso war den Zuhörern damals das Wort „Weib (Frau)“ ein fester geistlicher Begriff, denn immer wieder wird Israel als die Ehefrau Jahwes angesehen (Jes. 54,6) Mag uns auch Luk.16,18 als eine den Zusammenhang störende Bemerkung vorkommen; die Pharisäer und Schriftgelehrten, denen sie galt, verstanden sie wohl. Sie erinnerte sie nicht nur an frühere Gespräche mit dem Herrn, als Er ihnen den Beweis erbrachte, dass vom Gesetz kein Hörnlein (Tüttel, Pünktchen) fortfallen würde — sie rief bei ihnen auch die Erinnerung an 5. Mose 24,1 wach, wonach die Frau entlassen werden kann, wenn etwas Schändliches an ihr gefunden wird.

Wird Gott nicht auch die Volksführer, denen Er das Gesetz und die Propheten anvertraut hatte, entlassen, weil sie Ihm ein Gräuel sind? Wird Er nicht auch Sein Bundesvolk Israel aus dem Ehebund entlassen, weil Er Schändliches an ihm gefunden hat? Gab man doch den Priestern ein Korban (Opfer), statt die alten Eltern zu hegen und zu pflegen! Schrieb man doch Scheidebriefe aus und schied so, was Gott zusammengefügt hatte, stellte man doch alte jüdische Mythen über Gottes Wort! Hatte der Herr nicht prophezeit, dass es am Tage des Gerichts dem Lande Sodom erträglicher als Kapernaum ergehen werde (Mt. 11,20-24)? Innerlich war die Masse des Volkes samt seiner Führerschaft dem Herzen Gottes ferne; da war die Scheidung schon geschehen. Würde Er die Scheidung auch äußerlich vollziehen, so wäre dies das Ende von Israels Existenz als Nation; das tägliche Opfer würde aufhören, Jerusalem würde nicht länger die heilige Stadt sein, zu der man an Pfingsten aus der ganzen Welt heraufzöge.

5. Bildfeld: Der reiche Mann und Lazarus (Lukas 16,19-31)

Nach solch einer Scheidung wäre Israel dann der geistlichen Gewänder entblößt, die das königliche Priestertum kennzeichnen. Somit kommen wir zu dem eigentlichen Gegenstand dieser Betrachtung: Die Rede vom reichen Mann und Lazarus.

Wer ist der reiche Mann?

„Da war ein reicher Mann„: Wer den reichen Mann symbolisiert, wurde bereits behandelt: das Juda, das nach wie vor von den Segnungen Gottes profitiert, repräsentiert durch die anwesenden Pharisäer. Was bedeuten die Stoffe Purpur und Batist (Leinen)? Wäre die Kleidung von Bedeutung, wenn der reiche Mann doch bald in der Hölle landet? Purpur ist die Kleidung der Könige (Richter 8,26; 1. Mose 49,10), Batist (feines Leinen) die der Priester (2. Mose 25,4; 28,5). „Das Zepter (Symbol der Führerschaft und der Kraft) sollte sich nicht von Juda entfernen, noch des Satzungsmachers Stab (Legislative Gewalt) zwischen seinen Füssen hinweg … und der Völker Ehrerbietung gilt Ihm“ (1. Mose 49,10). David war vom Stamm Juda und König von Juda. Jesus Christus entstammt dem Volk Juda (Mt. 1,2) und wird nicht nur König von Juda, sondern König aller Könige sein.

Wie spricht der reiche Mann Abraham an? Mit Vater! (V. 24). Abraham umgekehrt nannte ihn Kind (V. 25). Das ist logisch, denn Abraham ist der Vorvater Judas. V. 29: „Und sie haben Mose und die Propheten, auf diese sollen sie hören!“ Wer hatte Mose und die Propheten? Nicht etwa die Christen nach Paulus, die kein Gesetz mehr haben (Römer 2,14) sind hier angesprochen, sondern das Volk Juda. Der Stammvater Juda hatte fünf Brüder, worauf auch im Gleichnis Bezug genommen wird (V.28). Lea und Jakob wurden sechs Söhne geschenkt: Neben Juda sind dies Ruben, Simeon, Levi, Isaakar und Sebulon.

Damit konnte es für die Zuhörerschaft überhaupt keinen Zweifel mehr geben. Der reiche Mann ist Juda. Außerdem wird die Vergangenheitsform gewählt, diese Parabel spielt also in der Vergangenheit. Denn weder ein politisch unabhängiges Juda existierte zurzeit Jesu, noch waren sie immer noch reich.

Wer ist Lazarus?

Bedienen wir uns der Hinweise: Wo ist er? In Abrahams Schoß (wörtlich: „Leibesbucht“). Was bedeutet das? Zunächst, dass hier ein enge emotionale Beziehung herrscht, außerdem ist es ein Ehrenplatz. Christus beispielsweise ist im Busen (wörtlich: „Leibesbucht“) des Vaters (Joh. 1,18) und einer der Jünger, den Jesus liebte, lag bei Tisch an Jesu Seite (wörtlich: „Leibesbucht“). Die Definition lautet: die vordere Innenseite der langen orientalischen Gewänder, also in nächster Nähe. Diesen Ehrenplatz beanspruchten eigentlich die Pharisäer für sich, die so stolz auf ihre Gesetzestreue waren. Das ist aber nicht der Fall, sondern Lazarus bekommt diesen Platz. Gibt der Name Lazarus Hinweise? Der Name Lazarus entstammt dem Griechischen Lazaros was hilflos bedeutet. Im Hebräischen aber bedeutet Lazarus Elsazar oder Elieser von El [Gott] und azar [hilft], das Gegenteil!

Später, in Joh. 11 geschildert, hat Jesus dann tatsächlich einem Lazarus, den Bruder von Maria und Marta aus Betanien, geholfen, indem er ihn auferweckte. Aufgrund dieses Wunders beschloss der Hohe Rat Jesus zu töten (Joh. 11,46-53). Der heutige arabische Name Betaniens ist übrigens Elazariya.

Elieser (hebr. für Lazarus) begegnet uns im Alten Testament: Elieser war der Oberdiener von Abraham. Er war ein vorbildlicher Diener, Abraham treu ergeben, ein Vorbild im Glauben („Treun“, DaBhaR). Denn in 1. Mose 15,2-3 wollte Abraham ihm sein Haus und Besitz vererben, weil Abraham zu diesem Zeitpunkt immer noch keine Nachfahren hatte. Aber selbst als Isaak geboren wurde und Elieser diese Aussicht auf einmal genommen wurde, hielt er fest zu Abraham – er reiste sogar umher, um für Isaak eine Frau zu suchen. Elieser war vollkommen abhängig von Abraham. Abraham war extrem reich – nun bekam er nichts. Abraham hatte Gottes Segen – auch der würde nun nicht auf ihn übertragen werden.
Lazarus lag vor dem Tor des reichen Mannes (V.20). Alle Segnungen waren nur durch die Priester möglich, denn nur sie durften in das Allerheiligste gehen. Außerdem litt Lazarus unter Eiterungen (V.20) – Eiter ist ein Symbol für Sünde: David vergleicht beispielsweise in Psalm 38,6 seinen Sündenzustand mit Eiter.

Lazarus repräsentiert also nicht materiell arme Juden, sondern damals geistlich arme, sündigende Juden. Das ist Hauptpunkt in diesem Teil des Gleichnisses. Zusammen mit Hunden musste das gemeine Volk draußen warten. Deshalb lag Lazarus vor dem Tor. Die Doppelbedeutung des Namens liefert einen weiteren wichtigen Schlüssel. Gott hat zu Zeiten des AT dem gläubigen Teil Verheißungen gegeben (Elieser = Gott hat geholfen), die zwar nicht zum Zeitpunkt der Menschwerdung Christi zu sehen sind (Lazaros = hilflos), aber es noch in Zukunft sein werden.

Wer sind die Hunde?

Der Hund ist in der Bibel kein Hausgenosse wie in unseren Breiten, sondern ein herrenloses Tier, das Abfälle und Aas verzehrt (2. Mose 22,31). Hunde sind ein Abbild der Unreinheit, des Gemeinen und Verächtlichen. Sie werden daher als Bild für die unreinen Nationen gebraucht (Spr. 26,11, 2. Petrus 2,22). In Jesaja 65,10 werden die Wächter Israels Blinde ohne Erkenntnis und stumme Hunde genannt, in Mat. 7,6 ermahnt der Herr seine Jünger, das Heilige nicht den Hunden zu geben. Die Römer, in deren Hände Jesus überliefert wurde, wurden ebenfalls Hunde genannt (Psalm 22,17).
Markus 7,27-29 beschreibt die Reaktion Jesu, als er mit der Bitte einer Griechin (einer Nichtjüdin) konfrontiert wurde, einen Dämon aus ihrer Tochter auszutreiben: „Lass zuerst die Kinder [also Juda] satt werden; denn es ist nicht schön, den Kindern das Brot zu nehmen und den Hündlein hinzuwerfen“. Doch die Griechin antwortete: „Ja, Herr! Und doch essen die Hündlein unter dem Tisch vom Abfall der kleinen Kinder“. Da sagte Jesus zu ihr: „Um dieses Wortes willen gehe heim; der Dämon ist aus deiner Tochter ausgefahren“. Offensichtlich erfragte diese Frau nicht buchstäblich etwas Brot, sondern um ein wenig geistlichen Segen. Die Nichtjuden werden also mit Hunden verglichen, die nur Reste von dem Segen erhalten, der in erster Linie Israel galt.

Die streunenden Hunde, die Nichtjuden, leckten die Eiterungen des Lazarus. Das bedeutet, dass sie von der Elite genauso wenig geachtet werden wie die Nichtjuden „Dieser Pöbel, der das Gesetz nicht kennt – verwünscht sind sie“ (Joh. 7,49). Römer 15,26 spricht außerdem davon, dass ihnen von den Nichtjuden (materiell) geholfen wird, was wohl mit dem „Lecken“ gemeint ist.

Vers 23: “ Als er im Ungewahren (Hades) in Qualen war.“

Wörtlich übersetzt bedeutet das griechische Hades „das Unwahrnehmbare“ bzw. „das Ungewahrte“, was den Schlüssel zum Verständnis dieser oft missinterpretierten Stelle liefert. In den Hades kommen ansonsten im NT alle Menschen nach dem Tod, also wenn die Seele des Menschen nicht mehr wahrnehmbar ist.
In diesem Gleichnis wird das als Bild aufgenommen: Das Volk Israel, der reiche Mann, hat sein Grab gefunden in fremden Ländern. Die Stadt Kapernaum ist nach Mt. 11,23,24 ebenfalls in den Hades hinabgekommen, also ins „Unwahrnehmbare“ verschwunden, so dass man heute die genaue Lage und die Grenzen dieser früheren Stadt nicht mehr feststellen kann. Das ist die Bedeutung dieses Wortes; das „Nichtzusehende“, das „Unsichtbare“ in Verbindung mit Zerstörung. So ist in gleicher Weise die jüdische Nation verschwunden in allen Völkern, lebt in der Diaspora.
Der Tod als Nation ist hierbei heilsgeschichtlich zu deuten und daher keinesfalls mit der politischen Gründung des Staates Israel aufgehoben, denn noch immer ist es als sein auserwähltes Volk beiseite gesetzt. Jesus benutzt das Bild des Todes, um dies zu verdeutlichen: „Kein Tun ist, noch Berechnung, noch Erkenntnis, noch Weisheit im Sheol, wohin du gehen musst“ (Pred. 9,10; nach Buber) und „die Toten aber, sie erkennen nichts, und kein Lohn ist ihnen noch weiterhin, denn vergessen ist ihr Gedenken“ (Pred. 9,5; siehe auch Ps. 89,49; 139,8; 4.Mose 16,30).
In diesem Gleichnis Jesu aber gibt es sogar Qualen in dieser geistlichen Todesstarre. Hiermit geht Jesus mit seinem Bild über das hinaus, was die Bibel für den Tod von Menschen beschreibt. Von welchen Qualen könnte die Rede sein? Das Volk Israel wurde seit der Zerstörung Jerusalems in alle Himmelsrichtungen verstreut, musste sich wie der verlorene Sohn unter die Volker mischen und niedere Arbeiten erledigen, wurde gedemütigt, bespuckt, geknechtet. Den Juden wurden Schandtaten angedichtet, sie wurden über hunderte Jahre hinweg isoliert, vergast, verbrannt. Von diesen unsäglichen Qualen spricht Jesus hier. Lazarus aber, der gläubige Teil des Volkes, kann diese Zeit in innigster Gemeinschaft mit ihrem Gott geistlich überleben.
Aber dieser Zustand wird auch für Israels Seele in der Gesamtheit ein Ende haben: „Jehova tötet und macht lebendig; er führt in den Scheol hinab und führt herauf“ (1. Samuel 2,6). Das Volk Israel als Segensträger wird, wie jeder menschliche Tote, der im Hades war, auferstehen. Die Verheißungen an Abraham (z.B. 4.Mose 23,9) werden erfüllt (Apg. 3,21), Gott verstößt sein Volk nicht endgültig (Römer 11, 1-2). Das 1000-jährige Reich mit Israel als herrschender Nation wird anbrechen (Offb. 21).

Zusammenfassung

Die folgende Tabelle dient als Wiederholung und zeigt, dass alle Bildfelder zusammen gehören und insgesamt eine Aussage haben, also tatsächlich ein Gleichnis vorliegt.

 Hauptaussage Symbole für das Judentum der Regeln und Gesetze
(Pharisäer) - die Mehrheit
Symbole für die Auswahl aus Israel
(Sünder und Zöllner) - zukünftiges Priestergeschlecht
1)Das verlorene Schaf löst Freude aus.99 selbstgerechte SchafeVerlorenes Schaf, das umsinnt
2)Sammlung aller gläubigen Israeliten auch aus der DiasporaGefundener Drachme
3)Eifersucht der PharisäerDaheim gebliebener SohnVerlorener Sohn
4)Veruntreuung von anvertrautem Gut (AT) durch unbiblische ZusätzeReicher Mann;
ungerechter Verwalter
5)Zukünftige Diaspora und WiedervereinigungReicher MannArmer Lazarus

Mit diesem großen dramatischen Gleichnis erklärt Jesus ein wichtiges Prinzip Gottes. Jesus trifft auf ein Israel, das in alte Mythen und Unglaube tief versunken ist. Das gegebene Gesetz, dass Auserwählte zum Glauben führt (weil sie erkennen können, dass es nur mit menschlichen Anstrengungen nicht gehalten werden kann), wurde vom Theologiebetrieb missbraucht, um religiöse und damit auch politische Macht aufzubauen. Immer neue Regeln und Auslegungen wurden als verbindlich verkündet, Abweichendes von den Lehren der Propheten. Diejenigen, die die Regeln schufen, wurden so unentbehrlich. Das Volk wurde von dieser religiösen Elite abhängig, statt ihre Führung durch Gott erkennen zu können.

Nur Seine Auswahl zählt!

Jesus sagt in diesem Gleichnis, dass nur die Auswahl durch Gott entscheidend ist. Die Sünder und Zöllner, die von Gott auserwählt wurden und von Ihm zu Jesus gesendet wurden (Joh. 6,44), werden das äonischen Leben erhalten, viele Mitglieder des Theologiebetriebs, wie die Pharisäer, nicht. Es kommt nicht darauf an, mit menschlicher Anstrengung zu versuchen, vor anderen gut da zu stehen, sondern glauben zu können, Gott zu vertrauen (was einzig und allein ein Geschenk ist). Alle religiöse Anstrengung (Errettung durch Werke), so wie Gemeindedienste, das Erfüllen von Vorbedingungen (Taufe, Konfirmation, gute Werke) führt nicht zu Errettung, sondern kann vielmehr dazu führen, stolz zu werden, sich etwas darauf einzubilden und auf andere herabzusehen.

Das Prinzip der Auswahl durch Gott (es geht hier nicht um die endgültige Errettung – es werden ja alle Menschen gerettet-, sondern um die Auswahl zu Aufgaben im 1000-jährigen Reich, dem äonischen Leben) wäre niederschmetternd für die Pharisäer gewesen, obwohl sie ja für die Nichtauswahl nichts können. Deswegen hat Jesus diese Tatsache in ein Gleichnis gehüllt, das nur jene verstehen können, denen es aufgeschlossen wurde.

Was will Gott uns damit sagen?

Jesus ist gekommen, um das Königreich für Israel auf der Erde aufzurichten. Er verkündete die Randbedingungen, die auserwählten Israeliten im äonischen Leben (d.h. während der letzten beiden Äonen) erleben werden. Auch welche Gesetze dort gelten werden, wird von Jesus verkündet (z.B. in der Bergpredigt). Nur die von Gott Auserwählten werden diese Gesetze einhalten können – der Glaube ist der Schlüssel. Die Verkündung dessen war der Auftrag Jesu. Alles Reden Jesu bezieht sich darauf. Mit der Nichtannahme durch das Volk Israel und schließlich der Kreuzigung Jesu entfaltete sich ein anderes Evangelium für alle anderen Völker, das Paulus verkündet wird, mit anderer Erwartung (nämlich himmlischer) und daher anderen Inhalten.

Mit dieser Parabel sind wir also nicht direkt angesprochen. Dennoch kann man daraus lernen. Auch Christen nach Paulus erliegen der Versuchung, Regelwerke aufzubauen (z.B. zur Errettung ist eine Taufe notwendig oder eine Entscheidung) und heidnischen Mythen und Philosophien zu glauben (Hölle, „Seelen leben ewig“), statt der Bibel den Vorzug zu geben. Der Glauben und das Vertrauen zu Gott erhält neben dem Gemeindebetrieb oft nicht mehr den entsprechenden Stellenwert. Gott glauben zu können ist ein Gnadengeschenk; es ist nicht nötig, die Errettung durch das Aufstellen von Regelwerken zu erarbeiten. Das ist sicherlich schwerer, denn es erfordert die Demut, ein Geschenk ohne Gegenleistung anzunehmen.


Print pagePDF page
Email this to someoneShare on Google+Share on TumblrTweet about this on TwitterShare on Facebook