Mit aufmüpfigen Gedanken, die etablierte (Denk-)Systeme in Frage stellen, tut sich die herrschende Klasse schwer, die sich wohlig in den bestehenden Verhältnissen eingerichtet hat – denn das Ketzerische schafft Aufruhr und will verändern. Oftmals ist die Angst auch sehr berechtigt, wie das Beispiel von Dr. Martin Luther zeigt, der am 10. Dezember 1520 in Wittenberg vor dem Elstertor die päpstliche Bannandrohung verbrannte und eine Institution anprangerte, die in seinen Augen historisch überaus belastet und geistlich inkompetent war. Diese Skepsis gegenüber selbsternannten Autoritäten und die Weigerung, es sich nicht verbieten zu lassen, selbst zu denken, zeichnet diese Menschen aus. Diese Querdenker stellen ihr Gewissen über die Anerkennung der Gesellschaft und verändern sie oft gerade dadurch.

Manchmal entzündet sich das Ärgernis nur an einer Frage. Eine solche lautet: „Wie kann es sein, dass jemand für Sünden, die in einigen Jahren oder auch Jahrzehnten begangen wurden, endlos bestraft wird?“

Diese Frage stand auch in einem Brief, den Stephan bar Sudaili, ein junger Mönch aus Edessa (heute Urfa, Türkei) um 480, einem Mitbruder um Rat bittend, stellte. Kurze Zeit später wurde er exkommuniziert, er musste Edessa verlassen und suchte Zuflucht in einem Orden von Geistesverwandten in Palästina, um Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Eines Tages, so ist überliefert, begegnete er an Abrahams Grab einem Juden, dem er seine Geschichte erzählte. Er sprach ihm zu: „Fürchte dich nicht, wenn sie dich Gottesmörder schimpfen, denn auch du wirst mit Abraham zu Tische sitzen.“ [45].

Dies konnte er sagen, weil er an die Wiederherstellung aller Dinge glaubte, auch „Apokatastasis panton“ (nach Apg. 3,21) genannt. Diese Sicht wurde in Alexandria von Clemens von Alexandria (150-215 n. Chr.) und dem Kirchenvater Origenes (185-254 n. Chr.) vertreten. Clemens von Alexandrien betrachtete Rache als etwas, das nicht zu Gottes Wesen passt. Denn Rache ausüben wäre nichts anderes als „Böses mit Bösem zu vergelten, wohingegen Gott den Gezüchtigten um seines eigenes Wohles willen züchtigt“. Origenes [35] meinte beispielsweise: „Und ich bin der Überzeugung, dass er (Gott) die Lasterhaftigkeit auch in geordneter Weise (einmal) ganz und gar vertilgt, zum Heile des Ganzen.“ und „Wie es bei den körperlichen Krankheiten und Wunden einige gibt, die durch keine ärztliche Kunst geheilt werden können, so ist es andererseits, wie wir behaupten, unwahrscheinlich, dass bei den Seelen ein von der Sünde herstammendes Gebrechen vorhanden sei, das unmöglich von der über allen waltenden Vernunft und von Gott geheilt werden könnte„. Vier von sechs der einflussreichsten Denkschulen in den ersten Jahrhunderten des Christentums teilten diese Sicht (neben Alexandria auch die in Antiochien, Cäsarea und Edessa) [58].

Diese Auslegung passte allerdings so gar nicht zu der Ideologie anderer Kirchenmänner, die auch in das neu aufkommende Christentum die bereits von vielen heidnischen Religionen gut eingeführte Höllenlehre integrieren wollten. Es sollte sich als ein Disziplinierungsinstrument erster Güte bewähren, mit denen Mitglieder willig gemacht wurden, regelmäßig in die geweihten Gemäuer zu pilgern und ihren Obolus abzugeben. Beides mehrte die Macht und den Reichtum der jeweiligen religiösen Elite.

Origenes, genannt „der Diamantene“, drohte diese Aussicht zu zerstören. Obwohl er ein Mann der Kirche sein wollte, wurde er zum Einzelgänger. „Es gibt in der Kirche keinen Denker“, so der katholische Hans von Baltasar, „der so unsichtbar -allgegenwärtig geblieben wäre wie Origenes“. Kirchenväter wie Ambrosius von Mailand schrieben von ihm ab. Seine Produktivität, die Schätzungen liegen zwischen 2000 bis 6000 Veröffentlichungen, war gigantisch.
Origenes lebte in ungemütlichen Zeiten. Als er 17 Jahre alt war, wurde sein Vater wegen seines christlichen Glaubens hingerichtet. Der Asket Origenes selbst wurde im Alter von 65 Jahren während der Christenhatz unter Decius inhaftiert und gefoltert. Gelebt hat er zunächst in Alexandria und später dann in der palästinensischen Hafenstadt Cäsarea. Er war Priester, wurde anerkannter Hebräisch-Experte und lebte zölibatär, was für ihn kein großes Problem darstellte; er hatte sich in jungen Jahren selbst kastriert.
Seine Lehre über die Wiederbringung Aller ist nur in Andeutungen rekonstruierbar aus seinem Hauptwerk Peri Archon (Über die Ursprünge), in dem es zusammenfassend heißt: „Die Güte Gottes wird durch Christus die ganze Welt zur ursprünglichen Einheit bringen.“

Das alles blieb keineswegs nur Schriftwerk, sondern wirkte unter den Mönchen und Nonnen weiter, die sich in den Wüsten Ägyptens, Palästinas und Syriens anzusiedeln begannen, in der Absicht, ein engelsgleiches Leben zu führen.

Ein Nachfahr des Origenes, ein gewisser Euagrios Ponticos, führte das Erbe Origenes‘ in seinen Werken weiter aus. 346 in der Provinz Pontus (nordwestlich der Türke) geboren, kam er als junger Mann nach Konstantinopel, wurde zum Diakon geweiht und machte sich einen Namen als Prediger. Er hatte Umgang mit seinen berühmten Landsleuten Gregor von Nyssa, dessen Bruder Basilius dem Großen und Gregor von Nazianz, den so genannten drei Kappadokiern, und ließ sich dann 382 unter den Mönchen in Ägypten nieder, wo er den Rest seines Lebens verbrachte.

Der Kirchenvater Gregor von Nyssa (335-394) lehrte die Rettung aller Menschenseelen, die nach ihm von vielen in der byzantinischen Orthodoxie geteilt wurde. Er sagte, dass „es nicht hauptsächlich und primär Strafe ist, was Gott den Sündern auferlegt, sondern Er handelt …, nur um das Böse von dem Guten zu trennen und es in die segensvolle Gemeinschaft zu ziehen“. Die hier angesprochene Gemeinschaft ist eine Gemeinschaft, die so aussehen wird, dass alle Geschöpfe „in ihrem Verlangen und Wünschen dasselbe Ziel (nämlich Gott) haben werden und dieses Ziel auch (an)schauen werden, und zwar ohne das noch irgendwas Böses in ihnen anzutreffen wäre“. Auch andere Kirchenväter wie Didymus der Blinde, Diodor von Tarsus und Theodor von Mopsuestia lehrten die Apokatastasis.

In den 100 Jahren nach dem Tod des Origenes hatten sich die Lehren des diamantenen Meisters bis ans Schwarze Meer verbreitet, wo Euagrios und die Kappadokier herkamen. Die Zeit der Christenverfolgung war zu Ende. Die bescheidenen Hauskreise der Urchristen mutierten zu einer prunkvollen Reichskirche, und in ihr spielten die Kappadokier eine führende Rolle. Alle drei waren Anhänger des Origenes, gemäßigte allerdings, während Euagrios den Diamantenen radikalisierte, was die arrivierten Kirchenleute selbst nach seinem Tod so ärgerte, dass sie ihn mit einer feierlichen Verfluchung zumindest den Tod unangenehm gestalten wollten. Ob Gott das wohl gekümmert hat?

Bereits als Euagrios noch in der nitrischen Wüste meditierte (80 km nördlich vom heutigen Kairo), wurde der erste Angriff gegen die Anhängerschaft des Origenes durchgeführt. Ein gewisser Epiphanos, ein Ketzerhammer der Spitzenklasse, reiste im Jahr 393 von seinem Bischofssitz auf der Insel Zypern in seine Heimat Palästina und machte in Jerusalem Stimmung gegen die Origenisten, sehr zum Ärger des dortigen Bischofs, der ebenfalls zur origenistischen Fraktion gehörte und sich diese Einmischung verbat.

Der heilige Hieronymus, der in Bethlehem als Abt eines von ihm gegründeten Klosters saß und dort die „Vulgata“ (eine Revision der lateinischen Bibeln) schrieb, lies sich davon beeinflussen und vollzog eine ideologische Kehrtwendung. Quasi über Nacht wandelte er sich von einem Verehrer des Origenes zu dessen Feind, aus Furcht vor dem Verdacht der Häresie – ein früher Wendehals. In seiner Erklärung des Propheten Jesaja offenbart er sich doch: Er schreibt dort, dass die Verdammten später reichlicher Tröstungen teilhaftig werden, dies aber geheim gehalten werden müsse, damit die Gläubigen aus Furcht vor den ewigen Höllenstrafen nicht sündigen.

Inzwischen war aber auch der Patriarch von Alexandria umgekippt, der mit den origenistischen Mönchen in der nitrischen Wüste disziplinäre Schwierigkeiten hatte. Er ließ im Jahr 400 auf einer Synode den Origenismus verurteilen und warnte die ägyptischen Christen in Briefen, die während der Ostergottesdienste verlesen wurden, vor den Blasphemien, dem Wahnsinn und den verbrecherischen Irrtümern des Origenes, den er die Hydra aller Irrlehren nannte.
Und das, obwohl der diamantene Chefideologe sehr prominente Freunde hatte. In Konstantinopel zum Beispiel wurde der heilige Chrysostomos in die Affäre verstrickt, weil er einigen aus Ägypten geflüchteten Mönchen von der origenistischen Partei Asyl gewährt hatte. Er musste deshalb in die Verbannung nach Armenien, von der er nicht mehr zurück kehren sollte. Schließlich verurteilte der Bischof von Rom einige Sätze aus den Schriften des Origenes, wobei sich herausstellte, dass diese Passagen gefälscht waren.

Die frohe Botschaft, dass Gott einmal jeden Mensch zu sich ziehen wird, hat sich dennoch nicht völlig unterdrücken lassen. Jener Stephan bar Sudaili, dessen bohrende Frage anfangs zitiert wurde, gilt als der Verfasser einer Schrift, die als „Buch des Hierotheus“ die Zeit überdauert hat. In dem Werk steht eine Passage, die an 1. Kor. 15,25-28 erinnert und deren Radikalität in der gegenwärtigen christlichen Beliebigkeit von erstaunlicher Frische ist: „Die Züchtigung, mein Sohn, wird ein Ende haben, der Geißler wird nicht länger geißeln, der Richter nicht mehr richten, der Gefangene wird befreit. Die Dämonen und die Menschen werden begnadigt, die Engel beendigen ihren Gottesdienst, die Seraphim beschließen ihre Lobpreisungen, die Throne bewachen nicht länger ihre Herrschaft. Die übernatürlichen Ordnungen werden ebenso verschwinden wie die natürlichen Unterscheidungen, und alles wird eins. Wenn nämlich alle Unterschiede dahin sind, wer soll dann Fragen stellen, und wonach? Wer soll dann antworten, und worauf?“

Dennoch wagten es bis ins Mittelalter nur wenige, wie der Erzbischof Anselm von Canterbury (um 1033 bis 1109), zu bekennen, dass „göttliche Güte so groß ist, wie sie größer nicht gedacht werden kann“ und dass Gottes Gerechtigkeit mit grenzenloser Barmherzigkeit gleichgesetzt werden müsse. Der Nachwelt erhalten ist auch, dass im 9. Jahrhundert der bedeutende irische Theologe Johannes Scotus Erigena, der 30 Jahre lang (850-880) die Hochschule am Hof Karls des Kahlen leitete, in seinem Werk die Sicht vertrat, dass sich Gott einmal mit allen Menschen versöhnen wird. [36, S.46].

Stärkere Verbreitung fand die biblisch fundierte Ablehnung der Höllenlehre erst wieder bei einigen Reformatoren, wie Martin Bucer (1491-1551) und dem deutschen Täuferführer Hans Denk (1495-1527). Im Fall der Täufer ist beispielhaft ein Grund für die Ablehnung der Sicht der Allversöhnung überhaupt zu erkennen. Weil die Großkirche aus anderen Gründen die Täufer ablehnte, wurde auch die von ihnen vertretene Allversöhnung als Bestandteil des „Pakets“ mit abgelehnt und verketzert. Ähnlich war es bei der Ablehnung der Apokatastasis Panton des Origenes.

Auch die bibeltreue Reformbewegung des Pietismus (ab 1650), deren positive Auswirkungen insbesondere in Süddeutschland immer noch spürbar ist, verurteilte die katholische Höllenlegende als grauenvolles Märchen [49]. Deren Superintendent Johann Wilhelm Petersen (1649-1727) führt folgende klassische Definition an: Es ist das ewige Evangelium eine fröhliche Botschaft von der Wiederbringung aller, da verkündigt wird, wie dass alle Kreaturen, sie seien im Himmel, auf Erden und unter der Erden, im Meer und in allen Tiefen, doch eine jegliche in ihrer von Gott bestimmten Zeit und Ordnung nach ergangener Läuterung hier in dieser Zeit oder in den zukünftigen Äonen nach rückstelligen Gerichten auf die allergerechteste Art und Weise des gerechten und gütigsten Gottes durch Jesum Christum, den Anfang und Ende der Kreatur, den Wiederbringer aller Dinge, Versöhner und Friedenmacher, von der Sünde und Strafe der Sünden sollen errettet und in den vorigen Zustand, darin sie waren, ehe die Sünde war, und noch in einen besseren zum Preis, Ehre und Herrlichkeit des allerheiligsten und allmächtigen Schöpfers versetzt und wiedergebracht werden. Die Grundeinstellung teilten auch andere Pietisten, die die evangelikale Landschaft nachhaltig geprägt haben, wie Christian Gottlieb Pregitzer (-1824), Michael Hahn (gest. 1819) [40; S.88-93], Friedrich Christoph Oetinger (gest. 1782) [33; S.123], Johann Albrecht Bengel (gest. 1752) [39; S.111-118], Jung-Stilling (gest. 1817) und die beiden Blumhardts, Vater (gest. 1880) und Sohn (gest. 1919). Der junge Blumhardt erkannte: „Eine Hölle zu statuieren, wo Gott in alle Ewigkeit nichts mehr zu sagen hat, das heißt, das ganze Evangelium aufzulösen“. Durch die missionarischen Bestrebungen eines George de Benneville und den deutschen Täufergruppen wurden diese Auslegungen in Nordamerika verbreitet, wo sie dann vor allem durch Unitarier großen Einfluss gewannen.

Obgleich mittlerweile viele Christen unterschiedlichster theologischer Prägungen die Aussöhnung des Alls erkennen können, bekennen sich dennoch nur relativ wenige Gruppen geschlossen dazu, wie beispielsweise die ehemalige Universalist Church of America (1793-1961) und die Bibelkonferenzstätte Langensteinbacher Höhe (Hartmut Maier-Gerber u.a.), die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Berlin-Hasenheide, die Gemeinde unter Gottes Wort München innerhalb der „Christlichen Allianz“ sowie die niederländische Gemeinde Eben-Haëzer in Rotterdam. Zu nennen sind auch besonders aus dem freikirchlichen Bereich der „Bund gläubiger Lehrer und Akademiker“ (Walter M. Borngräber, Adolph Heller, Karl Geyer), Heinz Schumacher, Adolph Ernst Knoch, Theodor Böhmerle, Arthur Muhl und der Bibelübersetzer Fritz H. Baader.

Nicht überraschend ist, dass sich auch Theologieprofessoren wie Ernst Ferdinand Ströter und Wilhelm Michaelis von der Höllenlehre getrennt haben. Der angesehene Bibelgelehrte Wilhelm Michaelis kam zu der Einsicht, dass die Lehre von der Allversöhnung „in der Schrift an den verschiedensten Stellen und mit bemerkenswerter, zudem durch keine Lehre von der ewigen Verdammnis gestörter Einmütigkeit bezeugt“ ist. Nach sorgfältiger Prüfung aller biblischen Belegstellen kommt Michaelis zu dem Schluß: „Wie stark oder schwach die Allversöhnung bezeugt ist, sie ist die einzige Auskunft, die uns die Schrift über die allerletzten Ziele des Heilsplans Gottes gibt.“

Zunehmend widmeten sich wieder Theologen der Untersuchung der eigentlichen Aussagen der Bibel. Sie nahmen dabei keine große Rücksicht mehr auf die tradionellen Lehrmeinungen. Einer der größte Theologen des 19. Jahrhunderts, Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, empfand so die Vorstellung von der ewigen Verdammnis als unerträglich, weil damit der größte Teil der Menschheit unwiederbringlich verloren wäre und damit der Sieg der göttlichen Liebe unvollendet bliebe.
Der Professor für Systematische Theologie Jürgen Moltmann argumentierte in seiner „Theologie der Hoffnung“ gegen die katholische Höllenlehre. Moltmann zufolge geschieht die Versöhnung des Alls, die er im Kreuzestod Christi begründet sieht, durch das Weltgericht, in dem Gott einerseits alle Sünden vernichten und andererseits alle Sünder „aus ihrem tödlichen Verderben durch Verwandlung zu ihrem wahren, geschaffenen Wesen“ retten werde [50, S.262-284]. Er schreibt darin außerdem: „Die Logik der Hölle scheint mir nicht nur inhuman, sondern extrem atheistisch zu sein: hier der Mensch in seiner freien Entscheidung für Hölle oder Himmel – dort Gott als der Ausführende, der diesen Willen vollstreckt. Gott wird zum Diener des Menschen degradiert. Wenn ich mich für die Hölle entscheide, muss Gott mich dort hinstecken, obwohl Es nicht sein Wille ist. Drückt sich so die Liebe Gottes aus? Und wo bleibt die Allmacht Gottes? Menschen würden selbst ihrem Schicksal überlassen, sie brauchen Gott eigentlich nicht, denn nur der Mensch bestimmt, was passiert.“
Auch der Basler Professor Ernst Stähelin bezog klar Stellung für die Allversöhnung. Der konservative Theologe Karl Barth, der größte Theologe des 20. Jahrhunderts, schreibt: Es gibt kein Recht, es sich verbieten zu lassen, dass in der Wirklichkeit Gottes immer noch mehr, als wir erwarten dürfen, dass in der Wahrheit dieser Wirklichkeit auch die überschwängliche Verheißung der endlichen Errettung aller Menschen enthalten sein möchte. Ebenso haben Hans Urs von Balthasar [47], Herman Schell (kath. Würzburger Dogmatiker, dessen diesbezügliches Werk „Gott und Geist“ [48] auf dem Index landete), Paul Tillich u.a. die Höllenlehre abgelehnt. Einen wichtigen Beitrag leistete auch die Professorin für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Bern Christine Janowski (herausgegeben u.a. von Wolfgang Huber) mit ihrem Werk „Allerlösung“ [52].
Aus dem slawischen Bereich ist Waclaw Hryniewicz zu nennen, Theologieprofessor an der Katholischen Universität zu Lublin und Leiter des dortigen ökumenischen Instituts. Hryniewicz knüpft die Apokatastasis an die von ihm im seinen dreibändigen Werk postulierte Theologie der Passah Christi an. Vgl.: Chrzescijanstwo nadziei, Krakow 2002.
Der lutherische Theologe und Autor einer Monographie über den großen russischen Theologen Berdjaev Wolfgang Dietrich analysiert die Wiederbringung aller bei Berdjaev im ethisch-heilsgeschichtlichen Spektrum. Er betont dabei den allen russischen Denkern gemeinsamen Einspruch gegen die westliche augustinisch-juristische Sühne-Theorie (satisfactio) zugunsten einer offenen Heilserwartung, in der es keinen Denkraum für die strafende Vergeltung Gottes gibt: „Nicht nur müssen alle Gestorbenen vom Tode errettet und erweckt werden, sie müssen auch von der Hölle befreit und aus der Hölle herausgeführt werden. Darin besteht die letzte und äußerste Forderung der Ethik.“ Die Nicht-Möglichkeit einer bleibenden Hölle stellt für Berdjaev die Richtschnur der christlichen Zukunftserwartung dar und widerspricht der Pädagogik der Angst mit der Androhung ewiger Verdammnis.
Leider aber ist aber die böse Saat der Höllenlehre bereits großflächig verstreut worden und nur noch schwer aus manchen besonders evangelikal geprägten Köpfen zu entfernen.

Billy Graham, der weltweit bekannteste Evangelist, sagte laut „ideaSpektrum 35/06“ gegenüber dem Magazin Newsweek, dass er glaubt, „dass Gottes Liebe umfassend ist und dass er seinen Sohn für die ganze Welt gab. Jeder wird geliebt, unabhängig davon, was für ein Etikett [es ging um Angehörige anderer Religionen] er trägt“. Dies wurde von idea als Bekenntnis zur Allaussöhnung ausgelegt.

Längst ist geklärt (mehr…), dass der eigentlich heidnische Begriff „Hölle“ zu Unrecht in einige Bibelübersetzungen kam. Ebenso widerspricht die Höllenlehre wesentlichen Aussagen der Bibel über Gott und dem Kontext (mehr…) der Bibel insgesamt.

Bleibt nur noch die Frage, warum die europäischen Völker so lange an den bösartigen Unsinn glauben mussten, gegen den sich der junge Mönch am Beginn der christlichen Ära bereits aufgebäumt hatte. Nicht er war der Ketzer, wie sich im Nachhinein zeigt, sondern im Irrtum befanden sich die 400 Bischöfe und 800 Abte, die das Dogma von der Ewigkeit der Höllenstrafen verabschiedet haben, im November 1215 in Rom, unter jenem Papst Innozenz, der sechs Jahre zuvor den Kreuzzug gegen die südfranzösischen Albigenser befohlen hatte – das erste Genozid aus Gesinnungsgründen.

Vertreter der biblischen Allaussöhnung werden auch heutzutage noch mancherorts als Ketzer oder Irrlehrer beschimpft und oft sogar aus „christlichen“ Gemeinden vertrieben oder es wird ihnen Redeverbot auferlegt. Besonders ist dies in „frei“-kirchlichen und evangelikalen Mileus festzustellen. Wie kam es überhaupt dazu, dass die Höllenlehre so stark verankert ist?

Gegner der Allaussöhnung – Entwicklung der „christlichen“ Höllenlehre

Einer der einflussreichsten Entwickler und Verbreiter einer „christlichen“ Variante der Höllenlehre, der damit in Opposition zur Allaussöhnung stand, war der Rhetoriklehrer und „Kirchenvater“ Augustinus (354-430) mit seinen Schriften „Augustinus magister“ (Lehre exklusiver Gnadenerwählung) und „Vom Gottesstaat“ (Buch 21, spez. Kap. 17 mit Verwerfung des Origenes): Im „Gottesstaat“ verbreitete Augustinus im Kern die heidnische Weltreligion des Manichäismus (von dem Babylonier Manus entwickelt), deren Anhänger Augustinus 9 Jahre lang war: Das Universum sei kurz nach dem Beginn in Gut und Böse (bei Augustinus: gefallene und gut gebliebene Engel) zweigeteilt (Dualismus) und wird in den guten Ursprungszustand wieder zurückkehren (wiederum geprägt vom kreisförmigen, zyklischen Denken der Gnosis und des Neuplatonisimus). Die Zahl der Menschen, die in den Himmel dürfen, entspricht daher der Anzahl der abgefallenen Engel; der Rest der Menschheit ist zur Hölle verdammt [37, S.46]. Diese deutlich unbiblische Irrlehre wurde im Wesentlichen auch von Calvin übernommen. Augustinus lieferte Argumente, die gedachte endlose Quälerei sogar mit der Bibel zu rechtfertigen, die bis heute verwendet werden. Beispielsweise behauptete er, dass die äonische Strafe (irreführend oft mit „ewiger Qual“ übersetzt, die aber äonischer Tod ist: Offb. 20,5) aus Mt. 25,46 endlos sei, da das gleich bezeichnete äonische Leben auch endlos sei (richtig ist aber, dass beides zeitlich begrenzt ist). Außerdem stellte er die abstruse Theorie (genannt „Erbsündenlehre“) auf, dass jeder Mensch „Mittäter“ beim Sündenfall des Adam gewesen sei und deswegen auch eine endlose Höllenstrafe für jeden Menschen gerechtfertigt sei (was der schlechten lateinischen Übersetzung der Vulgata zuzuschreiben ist, die Römer 5,12 mit „Sünden in statt durch Adam“ übersetzte – Augustinus beherrschte kein Griechisch) und dann durch die Geschlechtslust mit der Zeugung auf jeden Menschen übertragen wird [37, S.84; 38, S.198]. Biblisch dagegen ist, dass durch Adam der Tod vererbt wurde (der zur Sünde führte: Römer 5,12), was aber gerechterweise auch wieder durch Jesus aufgehoben wird (Römer 5,18, 1.Kor.15,22). Er meinte auch, dass Gerichte bei Gott nur strafenden, sinnlosen Charakter haben würden und nicht der Besserung dienen [36, S.83], was unhaltbar ist (Jes. 1,27; 26,9, Ps.82,3; Sach.7,9; 5.Mose 16,18; Ps.37,33, Joh.5,22f., 1. Kor. 11,31).
Die Sicht der Apokatastasis wurde dennoch so stark, dass Kaiser Justinian I. sich genötigt sah, ihr Fortwirken 543 mit dem 5. Ökumenischen Konzil zu unterbinden. In dem dort aufgestellten Verdammungsedikt wurde unter die gesamte antiaugustinische Theologie des Origenes, die auch die Apokatastasis beinhaltete, auf der Synode von Konstantinopel verflucht: Wenn einer sagt oder meint, die Bestrafung der Dämonen und der gottlosen Menschen sei zeitlich und werde zu irgendeiner Zeit ein Ende haben oder es werde eine Wiedereinbringung von Dämonen oder gottlosen Menschen geben, der sei verflucht. Im zweiten Konzil von Konstantinopel 553 wurde das bestätigt: „Wer behauptet, die himmlischen Mächte, alle Menschen, der Teufel und die bösen Geister würden sich [schließlich] mit Gott untrennbar [wieder] vereinen, so wie jener göttliche Geist, den sie Christus nennen, der von göttlicher Gestalt war und sich, wie sie sagen, entäußerte (Phil. 2,6 f), und dadurch werde es ein Ende des [jetzt noch gespaltenen] Königtums Christi geben – den treffe der Bannfluch!“ Auch im Athanasianum wird Andersdenkenden mit „ewigem Feuer“ gedroht. 1439 behauptete das Konzil von Florenz, dass „niemand außerhalb der katholischen Kirche, weder Heide noch Jude, noch Ungläubiger (Islam) oder ein von der Einheit der Kirche Getrennter des ewigen Lebens teilhaftig wird, vielmehr dem ewigen Feuer verfällt“. Erstaunlich ist, dass sich Luther von diesem dogmatisch-gesetzlichen Glaubensverständnis mit drastischen Strafandrohungen, das dem Kontext der Bibel und dem Geist der Reformation deutlich widerspricht, nicht trennen konnte. Viele lutherische und protestantische Gemeinden verwenden dieses „Bekenntnis“ allerdings auch nicht. Die von Augustinus gelehrte Verdammnis der ungetauften Kinder war so töricht, dass diese Lehre schon nach kurzer Zeit aufgegeben werden musste. Sie hatte bereits die Mütter seiner Diözese zur Verzweiflung gebracht. Heute wird gelehrt, dass die ungetauften Kinder in die ‚Vorhölle‘ kommen (was allerdings ebenfalls jeder biblischen Grundlage entbehrt), wo sie keinen Leiden ausgesetzt sind, aber nicht in den Himmel kommen können.
Damit war das Schicksal der Lehre von der Erlösung aller Menschen in der westlichen Kirche für lange Zeit besiegelt. Auch die Reformatoren insgesamt wollten sich nicht mehr von der Höllenlehre trennen (Confessio Augustana von 1539, art. 17; Confessio Helvetica posterior von 1566, art.7). Somit hatte die Kirche hunderte von Jahren hinweg durch Zensur, die Drohung mit Exkommunikation und damit zwangsweise folgender Höllenqualen ein Druckmittel in der Hand, um von Bauern den Zehnten und von Kaisern politische Zugeständnisse abzupressen.

An den ewigen Höllenstrafen hält die katholische Kirche, seit im Mittelalter Papst Innozenz IV. offiziell diese Lehre gelehrt hat, bis heute fest. Vor dem 2. Vatikanum konnte man in der katholischen Literatur für die Rechtfertigung dieser Lehre die absonderlichsten Begründungen finden. „Zeitliche Belohnung oder Strafe“, schreibt z. B. Josef Staudinger (1950), „allein wäre unwirksam. Daher muß die göttliche Sanktion im Ewigen liegen.“ Hier findet man wieder den pädagogischen Gesichtspunkt des Kirchenvaters Hieronymus, zur Abschreckung vor der Sünde müsse man die Lehre von der ewigen Hölle vertreten. Staudinger fährt dann fort und steigert seine heillosen Vorstellungen, die kirchenamtlich aber anerkannt wurden, ins Extrem: „Ja, selbst die Liebe und Barmherzigkeit fordert, so sonderbar dies klingen mag, die ewige Hölle. […] Von der verzehrenden Glut des göttlichen Hasses können wir uns keinen Begriff machen…“ Er meint außerdem, „dass die Hölle sich an einem bestimmten Ort befindet, ist zweifellos“ und „das Höllenfeuer ist als wahres und wirkliches Feuer zu denken“. Die damaligen Theologen behaupteten, alles ganz genau zu wissen, und so spricht Staudinger vom „Prasseln und Zischen der Flammen und dem Aufheulen der Verdammten“. Das ist ganz der Stil der Mönche, die bei sogenannten Volksmissionen bis in die dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts von den Kanzeln ein leichtgläubiges Volk in Schrecken versetzten. Katholische Autoren scheuen sich nicht, die Eigenschaften Gottes zu pervertieren, und lassen statt Gottes Liebe, die sein Urwesen ist, den „Hass“ dominieren. Es ist sogar Lehre der katholischen Kirche, dass wer die Liebe, Güte und Barmherzigkeit Gottes höher stellt als seinen „Hass“ und deshalb an keine ewigen Höllenstrafen zu glauben vermag, selbst bereits zur ewigen Höllenstrafe verdammt ist. Kann eine Kirche, die das Bild Gottes so verzerrt, heute noch erwarten, dass die Menschen ihren Lehren Glauben schenken? Die Kirchenmänner suchen die Gründe des Abfalls überall, nur nicht bei sich selbst. Man kann sich nur dem Urteil des evangelischen Bischofs Schjelderups, der einem fanatischen Pastor entgegentrat, anschließen. Er sagte: „Ich bin froh, dass am Jüngsten Tag nicht Theologen und Kirchenfürsten, sondern der Menschensohn uns selbst richten wird. Und ich zweifle nicht daran, daß die göttliche Liebe und Barmherzigkeit größer ist als die, die in der Lehre von der ewigen Pein in der Hölle zum Ausdruck kommt…“ und „Für mich gehört die Lehre von der ewigen Höllenstrafe nicht in die Religion der Liebe“.

Offiziell gehört die unsägliche Höllenlehre auch noch zum Dogma der evangelischen Kirche, wird aber in der Predigtpraxis und wohl von den meisten Pfarrern kaum noch vertreten. Besonders aber in den sogenannten „fundamentalistischen“ Kreisen einiger Freikirchen wird die Vergebung wirklich aller Sünden (inklusive der des Unglaubens) durch Jesus Christus immer noch verleugnet.

So gesehen wirkt die Geschichte der Allversöhnungslehre wie ein düsteres Gemälde der verfinsterten Vernunft, das nur von wenigen Blitzen erhellt wird. Das Licht vom Himmel, wie Nikolaus Lenau es genannt hat, setzt sich nur mühsam durch – aber gelegentlich doch.


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